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Von Australien nach den Malediven mit der Segelyacht  

 

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    Reisebericht - von Australien nach den Malediven

Mit „Serengeti„ von Darwin nach Malé

Seereisebericht von Rudi Diethart

 

27. September bis 2. Dezember 2000

Skipper: Toni Bozic

Crew: Rudi Diethart

 

Vorwort

 

 

Im August 2000 habe ich nach einigen Monaten Kampf mit mir selber und meinem Chef beschlossen, mich beruflich zu verändern. Nur wenige Wochen später bin ich unterwegs nach Australien, um mit Toni Bozic und seiner Serengeti den Indischen Ozean zu überqueren. Mit der Segelyacht über den Indischen Ozean

Seit sieben Jahren segle ich Urlaubstörns, seit drei Jahren auch als Skipper mit meiner eigenen Crew. Mein nächstes großes Ziel sollte irgendwann die Überquerung eines Ozeans sein. Dass dieser Traum so rasch Realität wurde und dass es gleich der Indische Ozean sein würde, war nicht vorhersehbar und planbar. Mehrere Umstände und Zufälle sind hier zusammengelaufen und erforderten eine kurzfristige Entscheidung. Ich habe sie getroffen, und muss auch die Konsequenzen zur Kenntnis nehmen.

Daß meine Beziehung zu meiner Lebenspartnerin Gerti diesen Törn nicht überleben sollte, war für mich ebenso unvorstellbar und undenkbar. So ist es aber gekommen und ich habe lange mit mir selbst gekämpft, ob ich nicht die doch sehr persönlichen Abschnitte aus meinem Tagebuch auslassen soll. Schließlich aber habe ich mich nach einigen Monaten entschlossen, bei meiner ganzen Wahrheit zu bleiben. Die nachfolgenden Seiten sind die ungekürzte und subjektive Niederschrift meines persönlichen Log- und Tagebuchs. So wie ich diese Tage und Wochen erlebt und gefühlt habe und so wie ich regelmäßig meine Eintragungen gemacht habe.

Herzlichen Dank an Toni Bozic und seiner Serengeti und Mast- und Schotbruch! Vielleicht passt es wieder einmal.

Rudi Diethart

März 2001

 

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Donnerstag, 12.9. – eine kurze Planungszeit

Das Abenteuer kann beginnen. Gestern habe ich Ticket, Visum und Globus übernommen, heute die Schutzimpfungen gegen Typhus, Diphtherie, Hepatitis, Kinderlähmung und Tetanus. Es sind noch zwei Wochen bis zu meinem Abflug, die Vorbereitungen aber schon fast abgeschlossen. Was noch nicht fertig ist, ist fix geplant und terminisiert. Es kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Halt - ach ja, noch eine Kleinigkeit: Der Eigner und Skipper der Serengeti, Toni Bozic, weiß ja noch gar nichts von seiner mitreisenden Deckshand. Was also, wenn ....?!?

Die finalen Arbeiten im Büro machen Spaß. Dass ich über meine berufliche Zukunft im Moment gar nichts weiß, beunruhigt mich überhaupt nicht. Mal schauen, wie es mir Anfang Dezember damit geht. Es ist ein wunderschöner Herbsttag in Oberösterreich, die Welt ist lebenswert. Zwei Wolken gibt es noch: Gertis Eltern werden sicher nichts Negatives sagen, aber bestimmt nicht einverstanden sein. Thomas hat sich noch immer nicht bei mir gemeldet und ich hoffe doch sehr, wenigstens noch zu einem vernünftigen Gespräch mit ihm zu kommen. Es ist mir trotz aller Hilflosigkeit meinerseits sehr wichtig zu sehen, dass er sein Leben auf die Reihe kriegt.

16.9. - 17.9. : Reith im Kamptal

Weinseglertreffen und Leseeinsatz mit der gesamten Crew - nur Gerti muss leider arbeiten. Aber auch wir schöpfen fleißig, haben viel Spaß. Ich glaube, unsere Crew ist bereits eine gerngesehene und auch gute Weinlesehilfe. Meine bevorstehende Abreise steht natürlich im Mittelpunkt, interessiert alle im Detail.

Kalenderwoche 38

Ganz schön stressig so eine Urlaubswoche: zweimal Arbeitsamttermin, noch ein letztes Gespräch mit dem Chef, letzte Arbeiten im Büro (im Urlaub natürlich!?), Familienfototermin, Gespräch mit Thomas in Spittal. Letztlich alles erledigt, außer dem Familienfoto, das von der Fotografin so arg vermurkst wird, dass wir es nicht kaufen.

Und als Höhepunkt der Woche kommt die erste Mail von Toni, der am 20.9. in Darwin eingelaufen ist und erstmalig von meiner Planung hört. Er freut sich riesig auf mich, und so fällt mir auch dieser letzte Stein vom Herzen. Und - Zufall oder was? -  Ein paar Stunden später gewinnen die Österreicher Hagara und Steinacher die erste Goldmedaille in Sydney 2000 - im Tornadosegeln. Einige Mails gehen zwischen Darwin und Gunskirchen noch hin und her, einige Besorgungen für Toni erledige ich noch gerne, dann viele Verabschiedungen und Glückwünsche und los geht's.

27.9. Linz – Darwin: eine mühsame Anreise

Abschied! Gerti bringt mich zum Flughafen nach Linz, noch ein schneller Kaffee, und dann weinen wir beide ein bisschen. Ich liebe sie, und es fällt mir nicht leicht, jetzt zu fahren. Aber ich liebe sie, auch weil sie mir wirklich keine Prügel in den Weg gelegt hat, weil sie von Anfang an wusste, wie viel mir daran liegt und weil sie schließlich keine pathetischen Worte verloren hat.

Die Lauda Air, die den Flug der AUA nach Frankfurt "operated" hat 45 Minuten Verspätung. Im Landeanflug kommt noch einmal eine halbe Stunde dazu. Jedenfalls ist die Singapur Airlines gerade weg, als wir durch den Terminal hetzen. Wir, das sind mittlerweilen Heli und ich. Heli ist ein Linzer, der mehrmals im Jahr beruflich in Singapur zu tun hat. Gemeinsam schauen wir also unserer Singapur Air nach und hetzen dann wieder in den anderen Terminal, weil wir vielleicht auf der Lufthansa-Maschine mitgenommen werden, die in einer Stunde startet. So ist es dann auch und bald sitzen wir nebeneinander erste Reihe fußfrei - vor uns fast 12 Stunden reine Flugzeit. Wir machen uns gleich einmal bekannt und siehe da, Heli ist auch ein begeisterter Segler, hat den B-Schein seit sechs Jahren, segelt auch mit eigener Crew zumindest einmal im Jahr und würde sofort mit mir tauschen. Ich aber nicht!

Morgens um acht Uhr landen wir dann pünktlich in Singapur. Schlafen war überhaupt nicht, vielleicht eine halbe Stunde gedöselt. Unser kurzfristiges Umbuchungsmanöver von SQ auf LH hat das Gepäck natürlich nicht mitgemacht; es kommt erst am Nachmittag mit der nächsten LH-Maschine nach. Tschüs, Heli, war nett mit dir zu fliegen. Vormittag 9 Uhr, bin doch müde; aber ich will nach Darwin. Der nächste Flug geht aber erst am Abend um 22.35 Uhr, also 13 Stunden Wartezeit am Flughafen. Wenigstens ist das Ticket um gut öS 2.500,- billiger, als wenn ich es gleich in Österreich gebucht hätte. Dann kaufe ich mir einmal eine Telefon-Card und rufe in Darwin an, um Toni meine Ankunft für den nächsten Morgen zu avisieren.

Singapur ist ein Wahnsinn: mehr als 13 Stunden habe ich jetzt am Flughafen zugebracht, aber eigentlich nie das Gefühl eines Flughafens empfunden. Eher schon ein über-dimensionales Wohnzimmer, sauber und gemütlich, gut klimatisiert, dezente Hintergrundmusik, freundliche Leute und überall dienstbare Geister, die ihren Job gewaltig ernst nehmen. Ob sie gerade die hektargroßen Fliesenböden sauber machen oder die Hydrokulturen pflegen, die überdimensionalen Balkonpflanzen am benachbarten Parkhaus zurückschneiden - man kann nur staunen, mit welcher Genauigkeit und welchem Ernst auch die scheinbar mindeste Arbeit erledigt wird.

Mit dem Fliegen habe ich kein Glück: nachdem schon das erste Gerät, die Lauda-Maschine defekt war, ist auch die Maschine nach Darwin wegen eines Bremsdefektes verspätet. Das hat man erst nach dem "boarding" festgestellt und mitgeteilt. Verspätung für den Austausch der Maschine: 1 Stunde. "Due to technical reasons..." ich kann es schon nicht mehr hören, denn inzwischen wurde der Abflug noch zweimal verschoben. Wenigstens bieten sie jetzt Erfrischungen an. Im Restaurant komme ich mit einer Australierin ins Gespräch. Sie ist gerade vor 5 Wochen von einem längeren Törn mit ihrem Mann zurückgekommen. Im September sind sie in Spanien gestartet, über Karibik, Panama und Südsee nach Cairns gesegelt, ein harter Törn, wie sie sagt in knapp zehn Monaten. Die Oyster 46 und die zusätzliche Deckshand lassen allerdings auf ganz gute Verhältnisse und nicht allzu viel Härte schließen.

Tatsächlicher Abflug nach Darwin ist dann um zwei Uhr morgens - ich kann dann wenigstens zwei Stunden schlafen, bis wir um sieben Uhr Ortszeit in Darwin landen.

Du darfst in Australien keine Lebensmittel einführen – absolut nichts. Als mein Seesack dann ziemlich zerrissen ankommt, heißt es gleich einmal alles auspacken. Die Hälfte fliegt mir schon so entgegen. Die junge Zöllnerin (ein Lehrling?) will es genau wissen und alles sehen. Während sie die Sachen auseinander nimmt, fragt sie mich nach Dauer und Länge meines Törns. Als sie die Packelgerichte sichtet, will sie zum wiederholten Male wissen, wie und wo ich Toni kennen gelernt habe usw. usf. Schließlich nehmen sie mir die Reisfleischpackeln ab, den Zwei-Komponenten-Kleber beschlagnahmen sie einmal. Die Oberzöllnerin belehrt mich inzwischen über Ausmaß und Wahnsinn meines strafbaren Vergehens, eine brennbare Substanz ins Flugzeug geschmuggelt zu haben. Was da passieren kann; unentschuldbar ist das sowieso. Schließlich wird der oberste Zollmanager geholt, er belehrt mich noch einmal 5 Minuten lang, dann darf ich – für mich schon überraschend - inklusive Kleber gehen. Man hilft mir dann wenigstens mit zwei Kartons aus, damit ich mein Zeug halbwegs wegtragen kann, da mein Seesack völlig unbrauchbar geworden ist. Abgerissen, mit zwei Kartons Wäsche, einem kaputten Seesack, einem Plastiksackerl und meinem Handgepäck entere ich nun ein Taxi und lasse mich beinahe schon willenlos zum Treffpunkt mit Toni in die Wharf kutschieren. 

Freitag, 29.9.: Darwin, Northern Territory

Um zehn Uhr kann ich dann endlich Toni begrüßen. Nach einem kurzen Verschnaufen bei Eiskaffee geht es dann erstmalig raus zur Serengeti, die ungefähr 400 m weit draußen vor Anker liegt. Ich werfe einmal meine Sachen hinein, auspacken kann ich später auch noch. Am Nachmittag machen wir einige Besorgungen in Darwin - für mich ist es fürchterlich heiß und irre anstrengend. Übermüdung und Klimaschock fordern ihren Tribut. Abends essen wir gebackene Shrimps in der Wharf, wo auch gleichzeitig ein kleiner Tanzabend stattfindet. Viel kriege ich aber nicht mehr mit, um 10 Uhr sind wir bereits an Bord und ich kurz darauf in der Koje. Koje ist nicht ganz richtig, denn wir schlafen ja im Cockpit, Toni auf Steuerbord (=die Kapitänsseite) und ich auf der Backbordbank.


 

Samstag, 30.9.

Erstmalig wieder ausgeschlafen geht es mir gleich wieder besser. Wir machen wichtige Einkäufe in Darwin. Zollfreien Alkohol bunkern steht am Programm; denn so günstig wird der Alkohol bis ins Mittelmeer wohl nicht mehr sein. Am Abend kocht Smutje Toni: seine hervorragenden Rumpsteaks werden gleichsam auf Vorrat gegessen, weil wir in den nächsten zwei Monaten wohl kein frisches Fleisch mehr kriegen werden. 

Sonntag, 1.10.: Crocs im Nationalpark Lichfield

Schon um halb sechs ist Tagwache und eine Stunde später Abfahrt zu unserem Touristenausflug in den Nationalpark Lichfield. Erste Station machen wir bei den Wangi-Falls, einem kleinen See mit zwei spektakulären Wasserfällen. Wir baden und planschen im bacherlwarmen, und doch erfrischenden Süßwasser. Weiter geht es dann per Bus zu einem größeren Fluss, den wir per Aluboot befahren. Sharon chauffiert nicht nur souverän den Bus, sondern hat auch den Außenborder bestens im Griff, ebenso wie ihre humor-volle Reiseleitung. Krokodile sehen wir allerdings nur in Miniversion bis auf zwei ca. dreimetrige Crocs, an die wir aber nicht wirklich nahe herankommen. Beeindruckend allerdings ist die Flora und Fauna insgesamt: Seeadler, Reiher, Kraniche, Jesusbirds u.v.m. können wir ganz nahe bewundern. Auch der Mittagslunch stammt von unserer universellen Sharon, bevor wir dann am Nachmittag mehrere Pools besuchen. Wie Naturstein-Badewannen bildet der kleine Wildbach in kurzen Abständen Tümpel – das fließende Wasser hat mit ungefähr 25° die ideale Temperatur zum Planschen. Ich glaube, ich genieße schon heute das Badevergnügen der nächsten beiden Monate im Voraus. Denn dann wird es für Körperpflege nur mehr Meerwasser geben.

Zwei junge Brasilianer – Fernando und Luciano – lernen wir unterwegs ganz gut kennen. Die beiden haben die Olympischen Spiele in Sydney besucht und sind gerade auf einer vierwöchigen Tour durch Australien. Fernando hat eine österreichische Großmutter und spricht nicht nur hervorragend deutsch, sondern hat auch verblüffende aktuelle Kenntnisse. Jedenfalls haben wir viel Spaß zusammen. So beschließen wir, nach der Rückkehr nach Darwin noch gemeinsam auf ein Bier zu gehen. Sharon empfiehlt uns das „Vic„, und wie zufällig erhalten wir auch Gutscheine für ein Gratis-Abendbuffet. Das Buffet ist zwar nicht überragend, erfüllt aber den Zweck optimal: das Bier fließt in Strömen! Übrigens ist hier grundsätzlich Selbstbedienung; du holst dir den 1140 ml-Krug mit kleinen Gläsern an der Theke. Der Krug um S 60,- ist für Australien wahrlich günstig. Der DJ ist auch Animateur und ein echtes Original. Ständig promotet er irgendwelche Publikumsspiele, und die Aussies sind voller Begeisterung dabei. Zum Beispiel werden auf der Bühne drei Ein-Mann-Minizelte bereitgestellt und drei Paare erhalten gemeinsam je ein Zelt. Dann heißt es ab in das Zelt und die Kleidung des Partners anziehen. Unglaublich, was sich da sowohl auf der Bühne als auch unter den Zuschauern abspielt. Die Stimmung kocht und das Bier fließt in Strömen. Toni und ich brechen um Mitternacht gerade noch rechtzeitig, aber schon gut illuminiert auf. Die Serengeti erwartet uns schon sehnsüchtig. Vorher rufe ich aber noch Gerti an - mit Tonis Hilfe bringe ich dann endlich eine Verbindung zusammen: Sie ist recht überrascht und hört sich sehr gut an am Telefon - und: ich vermisse sie schon.

Montag, 2.10.: Einkaufen für zwei Monate

Vormittag ist großes Zusammenräumen. Da wir für zwei Monate bunkern müssen, manche Waren schon bis zum Mittelmeer eingekauft werden, will auch ausreichend Platz geschaffen sein. In die Backbord-Achterkabine kommen die Alkoholika: 20 Karton Bier (mal 24 Dosen), 12 Flaschen Whisky, 12 Flaschen Gin, 12 Flaschen Rum. In die Vorschiffkabine stauen wir nur Lebensmittel. Nudeln beispielsweise sind noch ausreichend seit Panama an Bord. Alles andere aber kommt auf die große Einkaufsliste, mit der wir uns schließlich beim Manager des Supermarktes einfinden. Aufgrund unseres beabsichtigten Großeinkaufs überlassen wir es ihm, ob er uns einen großzügigen Rabatt geben oder alle Waren gratis an den Steg liefern will. Er entscheidet sich für die Gratislieferung, und wird diese auch selbst mit seinem Privat-PKW übernehmen. Vor dem Einkaufen gehen wir noch rasch in den Internet-Shop, Gertis erste Mails abrufen und letzte Infos heimschicken. Bis zu den Malediven wird es dann keinen Kontakt mehr geben können.

Mehr als zwei Stunden fegen wir dann kreuz und quer durch den Supermarkt, fünf große Trolleys werden angefüllt. Gar mancher beobachtet uns etwas verwundert. Des Managers Auto ist schließlich randvoll, Toni und ich drängen uns gerade noch gemeinsam auf den letzten freien halben Meter. Brutal schweißtreibend wird dann der Weg vom Auto zum Dingi. Da geht es doch rund 50 m weit über einen schmalen Steg hinunter, und die zahlreichen Kartons sind in der Nachmittagshitze nicht wirklich leicht. Toni und ich sind im T-Shirt wenigstens vernünftig gekleidet, Managers weißes Hemd ist in Kürze total verschwitzt, wenigstens die Krawatte hat er selbst schon vorher weggegeben. Ich glaube, er bereut seine Entscheidung schon. Persönlich wäre er mit einem Rabatt wirklich besser weggekommen. Gottseidank brauchen wir dann nicht mit dem eigenen kleinen Dingi den Transfer zum Boot durchführen; das hätte wenigstens vier bis fünf Fahrten bedeutet. Auf Anfrage ist uns der benachbarte Ausflugsboot-Skipper behilflich, was gleich mehrere Vorteile hat: es ist leicht zu beladen, wir bringen alles in einer einzigen Fahrt zur Serengeti und können auch wieder fast waagrecht entladen. Kurz nach sechs Uhr abends haben wir dann alle Kartons im Cockpit. Systematisch und flott packen wir es an, der Schweiß rinnt in Strömen, aber um acht Uhr sind wir ziemlich fertig. Der Großteil ist bereits an Ort und Stelle gestaut. Wir sind richtig zufrieden und körperlich wohl ebenso fertig. Noch rasch mit den leeren Kartons zur Wharf fahren, dann gönnen wir uns zum Abschied die letzten gegrillten Scampi und eine schöne Flasche Chardonnay zur Feier des letzten Tages an Land.

Dienstag, 3.10. – 1. Seetag: Leinen los in Darwin!

Um halb sieben ist Tagwache, einen schnellen Kaffee und schon geht es los: Dingi aus-einandernehmen und verstauen, Wassertank und Kanister mit frischem Wasser füllen, Cola und Softdrinks stauen usw. Um halb neun verholen wir dann zum Zollsteg in der Cullen Bay. Pünktlich um neun werden dann unsere alkoholischen Einkäufe angeliefert; auch die Zollformalitäten sind rasch erledigt. Wasser bunkern inklusive Reservekanister auffüllen dauert da schon einiges länger. Auch Benzin und Diesel werden aufgefüllt. 40 l Diesel in Kanistern als Reserve. Um elf Uhr sind wir schließlich fertig. Das heißt, jetzt haben wir keine Eile mehr und wir gönnen uns noch einen besonders leckeren Brunch: Räucherlachs mit Toast und Eiern – ein Gericht, das wir wohl auch in den nächsten beiden Monaten nicht am Speisezettel finden werden.

Kurz nach Mittag heißt es für uns dann definitiv „Leinen los„ mit dem Ziel Ashmoor Reef, ungefähr 500 Seemeilen genau westlich von Darwin. Mit einer leichten Brise nehmen wir Kurs aus dem Hafen hinaus. Toni beginnt gleich einmal recht scharf und droht, mich zum Einhandsegler auszubilden: ganz allein muß ich das Großsegel setzen, während Meister Toni gemütlich im Cockpit sitzt und ab und zu mit Anweisungen auf sich aufmerksam macht. Die Akklimatisation habe ich noch immer nicht hinter mir; ich leide nach wie vor ganz schön unter der Hitze und bin extrem kurzatmig. Schließlich dümpeln wir bereits um vier Uhr nachmittag fast ohne Fahrt nur rund sieben Meilen von der Küste entfernt. Und dennoch genieße ich jeden Augenblick und kann mich rundherum einfach nicht satt sehen. Es sind so viele verschiedene Eindrücke und Gedanken, die mich beschäftigen.  

Toni hat inzwischen begonnen, mich mit seinen Freunden an Bord bekannt zu machen. Da wäre einmal Gusti, der Eiserne; der unter Motor Kurs hält, während sein Vetter Vasco (da Gama) als Windfahnensteuerung geboren wurde. Vasco ärgert uns momentan ganz schön, weil er bei so geringem Wind einfach Probleme hat, den Kurs zu halten. Herrlich aber ist die kleine Plattform unter Vasco, denn dort sitzt man mit den Füßen im Wasser und holt sich mit einer kleinen Plastikflasche Wasser herauf zum Duschen und Abkühlen. Aufgrund der großen Hitze und der geringen Fahrt habe ich heute auch meinen Pyjama ausgepackt. Er ist wunderbar leicht, eine Nummer zu groß und schön weit und schützt mich zusammen mit den Radlerhandschuhen bestens gegen die Sonnenallergie, vor der ich ganz schön Angst habe. Außerdem wird mit 20er-Faktor Sonnencreme auch nicht gespart. Eine Fehlinvestition allerdings war der Sonnenspray, weil man beim Aufsprühen sofort fettige Finger kriegt, der Sprühknopf verdreht sich aber regelmäßig und so braucht man erst wieder beide Hände und die ganze Flasche ist geschmiert und glitschig.  

Australien

Von Australien habe ich ja wirklich nicht viel gesehen: Ankunft am Freitag morgen und Abfahrt am Dienstag. Aber eines ist mir schon aufgefallen, und wird auch von Toni, der ja eine Woche länger hier war, bestätigt: es gibt unglaublich viele Vorschriften im ganzen Land – für alles und nix. Die Aussies selbst fühlen sich auch ‚overregulated‘, aber sie nehmen es sehr humorvoll und locker, vor allem aber ohne irgendeinen Protest hin. Und die Aussies sind durch die Bank sehr freundlich und kommunikativ. Du kommst mit jedermann sofort und ganz leicht ins Gespräch. ‚Have a good time‘ wird hier wirklich gelebt, außer von den Aborigines. Hier gibt es augenscheinlich große gesellschaftliche Probleme. Sehr häufig sind die versoffenen Sandler Aborigines. Eine Problematik und ein Schicksal, wie es auch bei den Indianern in Nordamerika bekannt wurde. Die Problematik der Aborigines dürfte durch die aktuellen Olympischen Spiele eher noch weiteren Zündstoff erfahren haben, weil eine noch breitere Öffentlichkeit jetzt aufmerksam wird. Der Konflikt aber ist schon viel älter. Ich habe persönlich eher den Eindruck gewonnen, daß trotz aller Bemühungen und guten Mienen beide Seiten in Wirklichkeit aufgegeben haben. Man lebt halt im selben Land und nebeneinander, aber man versteht sich gegenseitig nicht wirklich und will es scheinbar auch gar nicht (mehr).

Beeindruckt hat mich der Nationalpark Lichfield. Nicht nur wegen der Natur, sondern auch wie die Aussies damit umgehen. Sie gehen gern und oft in den Park, nicht um ihn zu bewundern, sondern um in ihm zu leben und sich zu entspannen. An allen stark frequentierten Stellen des Parks gibt es vorgefertigte Grillstellen. Da kommen sie dann, werfen ihre Steaks auf den Grill, planschen in den Pools und genießen den Tag. Man bedenke, daß hier Trockensaison ist. Der Busch ist völlig dürr. Bei uns hätte man längst „Waldbrandgefahr – offenes Feuer strengstens verboten„ verordnet. Die Aussies aber haben verstanden, daß man einen Waldbrand nicht einfach verbieten kann, daß man ihn aber durch vorgefertigte Stellen weitgehend vermeiden kann. Das entspricht viel besser dem Freiheitsstreben jedes Menschen. ‚Prohibited areas‘ und eingezäunte Waldstücke gibt es dennoch mehr als genug. Toni hat sich bei den Wangi-Falls einen Weg durch das Gehölz über die Wasserfälle hinauf verschafft. Als er oben so herumspaziert, und Fotos von den Planschenden unten macht, stößt er plötzlich auf ein Schild, das ihm mitteilt, daß er sich auf heiligem Boden der Aborigines befindet. Betreten wird mit AUD 20.000,- (ca. S 180.000,-) bestraft! Verdammt schnell und überaus leise hat er umgedreht. Sie sind halt einfach recht widersprüchlich, die lieben Aussies, nichtsdestotrotz aber ein unheimlichlockerer und liebenswerter Menschenschlag.

Australien - Christmas Island - Chagos - Malediven - Segelreise

Mittwoch, 4.10. – 2. Seetag

Neun Uhr vormittag, das Handwerk ist getan und der Skipper meint, ich könne für den Rest des Tages nun frei machen. Wir dümpeln bei ganz leichtem Wind aus WNW mit ca. zwei Knoten Fahrt dahin. Unser Kurs 270 ist nicht zu halten, wir haben 240 anliegen, aber kein Problem, weil die Generalrichtung stimmt und bei dem Tempo das Ziel noch verdammt weit weg ist. Schön, aber nun der Reihe nach. Was hat sich seit gestern abend so alles getan?

Blutrot ist um 18.45 Uhr die Sonne im Meer versunken. Achteraus stehen über dem Festland riesige Quellwolken in der Abendsonne und irgendwo an Land muß es ein Buschfeuer geben, das wir noch lange in der Nacht sehen können. Mit einer leichten Brise versuchen wir Kurs West zu machen. Als der Wind dann ganz einschläft, starten wir nochmals den Motor, um den Abstand zum Land noch etwas sicherer zu machen. Derzeit sind wir erst 7 – 8 sm entfernt. Schön ist auch die Skyline von Darwin, wie sie langsam in der Kimm versinkt.

Und dann sind wir plötzlich ganz allein – kein Land mehr zu sehen und zu spüren. Dafür aber regt sich eine schöne raume Brise, wir bergen das Groß und segeln unter Genua genau auf Westkurs 270. Der Wind ist aber recht instabil sowohl in Stärke wie auch in Richtung: von SE bis N und von 0 – 3 Beaufort (bft). Der Wechsel erfolgt oft im Viertelstundentakt.

Schon um neun Uhr abends fallen mir erstmals die Augen zu. Übrigens habe ich die Steuerbord-Achterkabine bezogen, d.h. hier habe ich meine persönlichen Utensilien gelagert. Ich selbst schlafe ja auf der Backbordbank im Cockpit unter freiem Himmel. Unter mir eine ca. ¼ aufgeblasene Luftmatratze, darauf der Schlafsack und zum Zudecken ein Leintuch. In den Schlafsack schlüpfe ich nur hinein, wenn es wirklich etwas kühler wird und das wird recht selten der Fall sein. Die Nacht ist einfach herrlich, weil angenehm kühl, wenn der Wind etwas auffrischt. Romantisch ist es auf jeden Fall: Sterne schauen, Wind und Boot beobachten und schlafen. Also, um neun Uhr fallen mir die Augen erstmalig zu. Wir fahren ohne Positionslichter, um Strom zu sparen. Und weil wir noch ziemlich dicht unter Land sind, heißt es öfter mal einen Rundblick machen. Es verwundert mich aber schon, daß hier so überhaupt gar kein Schiffsverkehr ist. Die ganze Nacht über sehen wir ein einziges Segelboot am Horizont, das offensichtlich auf Gegenkurs nach Darwin ist. Als auch Toni dann schnarcht, schaue ich einmal auf Kurs und in die Runde: nichts zu sehen, nur das Meer und unsere Serengeti auf halbwegs richtigem Kurs nach Westen. Wir haben keinen Wachplan gemacht, und schon gar nichts schriftlich fixiert. Ich bin mir aber sicher, daß wir so im Halb- bis Stundentakt jeder einmal in die Runde geschaut haben. Ich schlafe traumhaft gut, in der frischen und angenehmen Meeresluft, aber nicht sehr tief; ich bin sicher 6 bis 7-mal munter, schaue in die Runde und auf den Kompaß und schlafe gleich wieder weiter. Und da ich nicht annehme, daß mein Skipper die ganze Nacht durchgeschlafen hat, wir aber nie gleichzeitig munter sind, dürften wir von Anfang an einen recht guten und natürlichen Rhythmus gefunden haben. Morgens kurz nach sechs beginnt die aufgehende Sonne den Horizont blutrot ein-zufärben, bevor sie selbst heraufkommt. Mit einem halben Auge schaue ich mir das Schauspiel an und mützle noch bis sieben weiter. Dann gibt es Frühstück. Der Wind kommt wieder recht vorlich, ich setze wieder das Großsegel und wir gleiten fast geräuschlos dahin. Toni programmiert sein GPS, noch 462 sm bis Ashmoor-Reef, liest den Kurier, als wäre es der heutige, den der Austräger in der Nacht ins Cockpit geworfen hat. Ich betreibe einmal ausgiebig Körperpflege und achte besonders auf die richtige Schmierung, weil es heute wieder brutal heiß werden wird. Es geht uns einfach blendend - möge es uns nie schlechter gehen! Nur mit meinen Medikamenten habe ich so mein Problem. Ich sollte sie dreimal täglich und regelmäßig nehmen. Das einzige, was hinhaut, ist die Regelmäßigkeit – ich vergesse sie fast regelmäßig. Und der Klimaschock vom herbstlichen Oberösterreich in das tropische Australien wirkt sich immer noch aus. Ich bin ständig kurzatmig und Füße und Finger sind ziemlich angeschwollen. Aber alles kein wirkliches Problem. Ganz im Gegenteil: die ersten 24 Stunden an Bord sind ausgesprochen sanft gelaufen, damit ich mich in Ruhe gewöhnen kann. Unser erstes Etmal beträgt dürftige 74 Seemeilen (sm).

Den ganzen Tag über treffen wir immer wieder auf lange, schmale Bahnen mit gelb-braunen Flöckchen oben drauf. Erst einmal vermuten wir, daß hier wieder ein Dickschiff seine Tanks gereinigt hätte. Doch dann erinnere ich mich, daß ich ähnliches schon einmal gesehen habe, und zwar während unseres Frühjahrstörns in der Türkei. Auch damals dachten wir erst an Umweltverschmutzung großen Stils, bis man uns erklärte, daß es sich um Blütenstaub von Pinien handelt. Nur sind wir hier inzwischen mindestens 40 sm von der Küste entfernt. Aber es muß Blütenstaub sein, der durch Wind und Strom so weit transportiert wird, denn Schiffsverkehr findet so gut wie gar nicht statt. 

Donnerstag, 5.10. – 3. Seetag: flau, flauer, Flaute!

In den gestrigen Abendstunden hatten wir schönen Segelwind, allerdings genau aus Westen, so mußten wir einige Stunden lang aufkreuzen. Noch während der Nacht wird der Wind stärker und dreht auf NE, sodaß wir 270 laufen können und das noch dazu mit gutem speed. Die ganze Nacht geht es recht flott dahin. Noch vor Sonnenaufgang kommt ein Besucher an Bord – ein Wasservogel – ca. 50 cm hoch mit langem, spitzem Schnabel und breiten Schwimmhäuten. Er nimmt auf unserem Bimini Platz, ist recht interessiert, wie wir langsam aus dem Schlaf erwachen; er ist gar nicht besonders scheu und läßt sogar zu, daß ich meinen Fotoapparat hole und ihn fotografiere. Bis zum Frühstück hat er aber scheinbar nicht mehr Zeit und ist ganz plötzlich wieder weg.

Mit Sonnenaufgang ist auch der Wind wieder weg; wir dümpeln in der Dünung und die Segel schlagen den Takt dazu. Aber auch dümpeln will ertragen sein, wie mein Skipper so schön sagt. Und ich bin mir sicher, daß es noch einmal viel dicker kommen wird und ich mir eine ruhige See wünschen werde. Da es wieder extrem heiß wird, besteht der Deckanzug wieder aus Pyjama, Handschuhen und Kappe, weil ich an den Händen schon das verräterische Jucken einer beginnenden Sonnenallergie spüre. Gerade in einer Flaute wird man besonders aktiv, weil du dann eigenartigerweise viel weniger Lust zum Entspannen und Faulenzen hast. Am Vormittag reinigen wir die diversen Abflüsse in Pantry und Bad. Das ist zwar eine stinkende, unappetitliche und auch schweißtreibende Arbeit, dafür aber werden wir den leichten Gully-Mief los, der uns schon seit einigen Tagen auffällt.

Unser Mittagsbesteck setzt uns genau 5 sm westlich von jenem Punkt, den wir schon um acht Uhr morgens erreicht hatten. Und in diesem Tempo dümpeln wir weiter – noch 391 sm bis Ashmoor-Reef. Mittlerweilen ist eine leichte Bewölkung aufgezogen, die die Mittagshitze etwas erträglicher macht. Und um 15.30 Uhr gibt es ein Briserl, das wenigstens das grauenhafte Schlagen der Segel beendet. Auch das leise Gurgeln des Kielwassers ist wieder zu hören, meist allerdings klar übertönt vom Schnarchen des Skippers. Erstaunlich sind die zwei kleinen Schmetterlinge, die um unser Boot herumfliegen und kurz darauf beobachte ich auch eine Libelle, die sich auch einmal kurz im Cockpit ausrastet. Wie können diese kleinen Tierchen nur solche Strecken zurücklegen? Wir sind ja immerhin rund 100 sm vom nächsten Land entfernt! Um diese Nachmittagsstunde ist es auf Westkurs auch fast nicht mehr möglich, ein schattiges Platzerl an Deck zu finden. Vor allem wenn das Boot aufgrund der geringen Geschwindigkeit hin- und hergeigt, dann läuft dir auch der letzte kleine Schatten immer wieder davon. Das Briserl hat auch nur eine halbe Stunde ausgehalten, dann war schon wieder Schluß und so torkeln wir in die Nacht hinein.

Kaum aber ist die Sonne weg, da kommen dunkle Regenwolken näher. Rasch noch unser Bettzeug wegräumen und dann hört man es schon prasseln, weil es schon ganz nahe ist. Trotz der Nacht und nur halbem Mond ist es erstaunlich hell und der Regen schmeckt so süß, weich und warm – wir genießen ihn richtig, weil mit dem Regen auch Wind kommt und wir endlich wieder gute Fahrt machen, zwar mehr nach Süd als nach West, aber immerhin. Der Regen ist dann rasch vorbei, es ist kühl geworden, die unerträgliche Schwüle ist wie weggeblasen, aber nach der erfrischenden Dusche braucht man jetzt wieder Kleidung. Bald ist auch das Cockpit wieder aufgetrocknet und wir können unsere Bettstatt wieder herrichten: noch ein bißchen Sternderl schauen, und weg! Mit mäßigen und drehenden Winden „rauschen„ wir durch die Nacht. Ich schlafe wie immer gut und tief, bin aber doch auch immer wieder munter, um in die Runde zu schauen (ob uns vielleicht jemand niederführen will), den Kompass zu prüfen und den Vasco nachzustellen, damit er wieder genau auf Kurs ist bei diesem drehenden Wind. So macht segeln Spaß und ist ein Kinderspiel.

Freitag, 6.10. – 4. Seetag

Der Wind hält heute bis mittag halbwegs durch, sodaß wir mit 86 sm unser bisher bestes Etmal verzeichnen. Und heute wird auch das große Indic-ocean-Schnapserturnier eröffnet. Die Regeln: ein Bummerl geht auf best of three, der Einsatz ist eine Runde, einlösbar in Malé auf den Malediven. Jedes Spiel muß eingelöst werden, die Bummerl können nicht saldiert werden. Am Ende des Tages habe ich den Barkeeper in Malé schon einmal zwei Runden auf Tonis Rechnung setzen lassen. Was den ehrgeizigen Skipper zu Überlegungen veranlaßt, was nun mit mir zu tun wäre – selbst als Fischköder möchte er mich verwenden. Die Nacht wird schlimm, weil die Flaute andauert und das erbärmliche Schlagen der Segel nicht aufhört.

Samstag, 7.10. – 5. Seetag: Ein erstes Rekordetmal!

Zum Frühstück gibt es heute deftige Bratkartoffel, Zwiebel, Wurst und Eier. Toni hat gestern den neuen Ersatzofen ausgepackt, auf dem wir nun im Cockpit kochen, nachdem auch die zweite Flamme kaputt ging. Eine war sowieso schon irreparabel, die zweite hat Toni dann mit beträchtlichem Aufwand hinzukriegen versucht. Trotzdem werden wir den eingebauten Herd nur mehr als Backofen für das Brot verwenden können. Ich bin schon gespannt, wie das Kochen im Cockpit bei gröberer See und Krängung funktionieren soll?

Nachdem die Flaute unverändert anhält, erwarten wir für heute unser negatives Rekordetmal. Da wir allerdings noch drei Stunden bis Mittag haben, versuchen wir ein letztes Mal mit Aeolus vernünftig zu reden. Das hört sich dann in etwa so an: „He, du altes A..., wenn du glaubst, daß du dieses Etmal vertreten kannst, dann tu‘ nur weiter so. Uns ist es scheißegal, wir haben Zeit. Aber wir schreiben’s in die Bücher – ungeschminkt! Und das geht dann ganz allein auf deine Kappe und wird von der ganzen Welt auch gelesen werden.„ So und mit weiteren deftigen Drohungen versuchen wir, den Gott der Winde aus der Reserve zu locken. Gestern haben wir ihn schon für die nächsten 14 Tage vom Sundowner ausgeschlossen, aber die Sanktionen scheinen den sturen Hund nicht nachhaltig zu beeindrucken.

Mittags ist es soweit: Toni muss mit 31 sm sein bisher absolut schlechtestes Etmal verbuchen. Jetzt aber packen wir den Blister aus, für ca. zwei Stunden mit mäßigem Erfolg und zwei Knoten Fahrt, dann fällt auch dieses riesige Leichtwindsegel zusammen. Wenigstens aus der Backstube gibt es Erfreuliches zu berichten: Bäcker Toni hat zugeschlagen. Halb mit Weizenmehl und halb mit österreichischem Roggenmehl und Brotgewürzen und erstmalig ohne Sauerteig gibt es hervorragendes frisches Brot. Es wird noch warm mit Knoblauch-Margarine verzehrt. Allerdings gibt es ein Missgeschick: Toni beißt sich an einer Kruste eine Plombe aus. Für uns heißt das, dass wir jetzt Christmas Island anlaufen müssen, weil es nur dort einen Zahnarzt gibt; Ashmoor-Reef ist ja vollkommen unbewohnt. Irgendwie gefällt mir diese Nachricht, weil ich mir den Riesen-Schlag von Ashmoor nach Chagos mit rund 3000 sm eigentlich nicht wirklich vorstellen kann. Aufgrund der aufkommenden Freude stelle ich bei mir natürlich auch eine leichte hintergründige Angst fest. Mal schauen, wie ich mich selbst so weiterentwickle.

Sonntag, 8.10. – 6. Seetag

Während der Nacht hatten wir wieder ganz leichten Segelwind, der uns in einem Schlag nach Süd, im anderen nach Nord brachte, dem Ziel aber nicht wirklich nicht näher. Um neun Uhr starten wir dann den Motor, um die Batterien aufzufüllen und das erbärmliche Etmal so wenigstens auf 42 sm zu verbessern.

Waschtag ist! Ich packe einmal mein Tubenwaschmittel aus: Handtücher, T-Shirts, kurze Hose und Deck-Pyjama wollen gereinigt und vor allem vom Schweiß befreit sein. Toni schaut sich meine Aktion einmal skeptisch aus der Entfernung an. Ein Kübel mit Meerwasser, ein paar Zentimeter Waschmittel aus der Tube, Wäsche einweichen, ein paarmal durchdrücken, nach einer halben Stunde noch einmal und mit frischem Seewasser spülen, aufhängen, fertig. Nachdem mein Skipper allerdings gesehen hat, wie meine Wäsche nun an der Reling baumelt und trocknet, bringt auch er seine verschwitzten Sachen und eine zweite „Trommel„ ist rasch angesetzt.

Ich glaube, seit drei Tagen haben wir kein Schiff mehr gesehen. Auch die Fische haben sich inzwischen rar gemacht. In der Abenddämmerung kann man ab und zu ein paar springende Fische beobachten, die wahrscheinlich gerade von einem Raubfisch gejagt werden. Fliegende Fische fehlen vollkommen, kleinere Schulen Delfine haben wir zweimal vorbeiziehen sehen. Auch Wasservögel und Seeschwalben sind rar. Woran liegt das nur? Hat das mit der Hitze und der Flaute zu tun?

Die Timor-See ist jetzt eher einer Wüste vergleichbar, wenn der Wind so komplett fehlt. Und trotzdem ist es eine Wüste, in der keine Langeweile aufkommt; das Auge ist ständig in Bewegung und wenn es auch nur der ewigen Dünung gilt, die immer wieder in den unterschiedlichsten Formen und Farben anrennt. Mal hebt sich da ein langgezogener „Hügel„, dann tut sich dort wieder ein „Tal„ auf, mal ist das Meer fast unbewegt und glatt, und dann wieder leicht gekräuselt – wie gesagt, es gibt ständig wechselnde Formen und Farben zu beobachten.

Zimmer, Küche, Kabinett: bei uns spielt sich in Wirklichkeit ja das ganze Leben im Cockpit ab. Die Räumlichkeiten unter Deck dienen eigentlich nur als Arbeits- und Lagerbereich: Wäsche, Getränke, Lebensmittel, nautische Geräte, Tonis Computer, all das liegt mehr oder weniger gesichert unter Deck. Wenn ich zweimal täglich in meiner Kabine vorbeikomme, um etwas zu holen oder wegzubringen, dann ist schon alles beisammen. Im Cockpit da wird gelebt und geschlafen, gegessen, und seit wir den Ersatzherd einsetzen auch gekocht. Darum ist es auch höchst an der Zeit, mit einigen Kübeln Wasser und Bürste einmal für Sauberkeit in unserem Wohn-Schlafzimmer zu sorgen. Für die schmalen Zwischenräume der einzelnen Teakstäbe verwenden wir eine alte Zahnbürste. Irgendwie ist mir diese großflächige Reinigung mit diesem Werkzeug aber in sehr negativer Erinnerung. Aber schon nach kurzer Zeit schaut unser Lebensraum wieder recht manierlich aus und wir brauchen uns nicht zu schämen, sollte vielleicht überraschender Besuch kommen.

Das lässt die Timor-See nicht auf sich sitzen, dass es hier keine Fauna gibt. Kaum geschrieben, beobachten wir zahlreiche Quallen (Portugiesische Galeere): Die größeren sind ca. 15 cm im Durchmesser, rostbraun mit einem roten Kreuz. Und als wir gerade wieder beim Abkühlen auf der Plattform sind, tauchen plötzlich zwei junge einmetrige Haie in unserem Kielwasser auf. Sie sind höchst interessiert und nachdem ich meine (stinkenden?) Füße aus dem Meer heraushabe, kommen sie auch ganz nahe an die Plattform heran, sodass wir sie auch fotografieren können. Eine Viertelstunde verfolgen sie uns, dann sind sie weg. Jetzt setze ich meine Dusche fort, allerdings mit genügend Respekt, die Füße nicht ins Wasser baumeln zu lassen und immer mit einem vorsichtig sichernden Blick in die Runde. Und tatsächlich, kaum bin ich zurück an Bord, sind auch die beiden Nachwuchshaie wieder da. Einige Male sichten wir dann auch noch große Schildkröten in einer Entfernung von 30 bis 40 m vom Boot. Näher lassen sie uns nicht heran und tauchen sofort ab.

Wie immer gibt es nach Sonnenuntergang eine leichte Brise, mit der wir fröhlich in die Nacht gehen und, wie fast immer, schläft die Brise dann bald ein, und mit der Begleitmusik der schlagenden Segel schlafe ich mehr schlecht als recht.

Montag, 9.10. – 7. Seetag: Neuer Kurs Christmas Island

Aufgrund der nach wie vor lausigen Etmale müssen wir Ashmoor-Reef streichen. Da ein Tauch- und Schnorchelaufenthalt auch zwei bis drei Tage in Anspruch nimmt, wir aber jetzt Christmas Island anlaufen müssen, wo wir auch zumindest drei Tage Aufenthalt kalkulieren müssen, wird dann die verbleibende Gesamtzeit schon knapp. Man kann eben nicht alles haben. Nachdem ich aber kein Taucher bin, hält sich mein Schmerz in Grenzen. Und in Christmas Island habe ich eventuell die Chance auf Internet und damit auf heimatlichen Kontakt. Und wie mir Toni gerade sagt, gibt es von dort auch 14-tägige Flüge nach Singapur. Was will er mir damit wohl sagen?

Nach der heutigen Position haben wir noch rund 1.300 sm bis Christmas Island. Sollte sich Aeolus ab sofort wesentlich bessern, könnten wir um den 21.10. dort sein. 

Dienstag, 10.10. – 8. Seetag: ein neues Rekordetmal

Eine Woche auf See, genauer gesagt in der Timor-See, die sich von Darwin im Osten bis Ashmoor-Reef und Hibernian Reef im Westen über ca. 500 sm Ausdehnung erstreckt. Die Timor-See ist ein flaches Meer mit Tiefen unter 100 m und erst nach den beiden Riffs beginnt der Indische Ozean und damit auch der Übergang zu großen Meerestiefen. Eine Woche auf See, Zeit für eine kleine, erste Rückschau:

Nachdem wir uns nach einer Woche noch immer in der Timor-See befinden, ist über die schwachen Winde und Flauten auch schon alles gesagt. Mehr als einen schwachen 3er für ein paar Stunden konnten wir bisher noch nicht verbuchen. Unser Wochenetmal von rund 370 sm ist nicht viel besser als so mancher starke Urlaubstörn, wo man allerdings praktisch jeden Abend in einem Hafen anlegt. Aber, was soll’s, wie sagt Skipper Toni so richtig: „Flauten gehören ebenso zum Segeln und wollen ertragen sein!„ Was also treiben wir so den ganzen Tag?

Hier ein typischer Tag auf der Serengeti:

Ein Tag auf See

Tagwache ist so zwischen halb sieben und sieben, jedenfalls bald nach Sonnenaufgang (unsere Bordzeit ist noch immer Darwin-Zeit, und darum geht die Sonne auf Westkurs natürlich alle Tage ein bißchen später auf). Toni und ich haben kulinarisch keine besonderen Vorlieben und daher auch kein Problem (das hängt natürlich auch damit zusammen, daß wir Männer halt sowieso nicht verwöhnt sind).

Also, zum Frühstück gibt es Nescafé mit Milchpulver und Zucker, Tonis selbstgebackenes Bordbrot, Margarine, Käse(Toast)scheiben, Salami aus Australien, Marmelade aus Fidji oder Honig aus Panama. Ab und zu gibt es auch deftige Rühreier mit Speck aus dem Gailtal. Wir essen ausreichend und unwahrscheinlich international. Nach dem Frühstück und Abwaschen wird meist noch ein wenig nachgemützelt. Es folgt die Körperpflege: Duschen auf der Plattform mit Meerwasser, Zähneputzen mit Süßwasser. Flautentage haben keinen Wind, kein Wind wieder heißt, daß die Sonne noch erbarmungsloser herunterknallt. Mein Decksanzug besteht dann aus dem Pyjama, den Handschuhen und dem Kapperl.

Vormittag ist auch die beste Zeit für kleine Reparaturarbeiten, die auch immer wieder anfallen: Schlafsack ausbessern und nachnähen, Ofen reparieren, usw. Die Arbeit nimmt aber nicht wirklich überhand, wenn ich auch immer wieder einmal aufgrund der Skipper‘schen Schikanen nach der Seefahrergewerkschaft schreie. Oft diskutieren wir am Vormittag recht ausführlich über ein aktuelles Thema (oder das, was für uns eben aktuell ist!). Österreichs Politik und Wirtschaft kommt auch nicht zu kurz. Oder, es läuft einfach der Schmäh. Zu den wichtigeren Arbeiten zählen noch Tagebuch führen und Wäsche waschen. Wir haben rund 20 l Sirup mit Orangen-, Zitronen- und Limettengeschmack gebunkert, weil man mit mindestens 2,5 l Flüssigkeit pro Tag und Person rechnen muß. Alkohol spielt keine wirkliche Rolle, aber 5 bis 6 Flaschen Saft pro Tag verbrauchen wir schon. Auch Radler (australisches Foster-Bier und Sprite) ist ein beliebtes Getränk tagsüber und zwischendurch. Da wir keinen Kühlschrank haben, ist mir persönlich das Bier zu warm, um es pur zu trinken, als Radler bin ich aber auch gerne dabei. Auch das Frischwasser aus dem Tank ist mit wenig Sirup hervorragend zu genießen, ohne Sirup ist der Tankgeschmack nicht zu verleugnen.

Der Lunch muß schnell gehen, gesund sein, und nicht allzu viel: Business-Lunch für moderne Seefahrer halt! Etwas Saures oder ein Fruchtsalat ist mehr als genug. Denn wichtiger ist die Jagd nach dem Schatten, dem wir zwischen 11 und 5 Uhr intensiv frönen. In der prallen Mittagssonne ist es einfach nicht auszuhalten und auch gefährlich. Auch am Duschdeck ist es nicht wirklich besser, wenn das Wasser um die 30 Grad C hat. Besonders die Nach-mittagsstunden zwischen 2 und 4 sind für mich besonders anstrengend, da bin ich schon spürbar kurzatmig, auch ohne große körperliche Aktivitäten. Am Programm steht daher lesen, schreiben oder ein kleines Nickerchen. Um 5 ist die Sonne dann schon so tief, daß man sie wieder halbwegs vertragen kann. Wir machen dann zB. ein Bummerl, wobei das Ergebnis gleich direkt dem Barkeeper in Malé zugerufen wird, damit er die einzelnen Runden schon einmal vorbereiten kann. In 5 bis 6 Wochen sind wir ja schon da!

Eine Alternative ist einfach Natur schauen. Zuschauen, wie die Sonne langsam vor dem Bug versinkt, ist immer wieder ein faszinierendes Schauspiel, so kitschig, so schön. Oder Tiere beobachten: Quallen und Seeschlangen sind momentan recht zahlreich, Schildkröten sind wunderschön und ebenso scheu. Oder noch einfacher: nur Meer beobachten. Obwohl ich seit einer Woche nur Wasser sehe, wird es nie langweilig, es ist ständig was los!

Abendessen wird so um 7 serviert. Abends gibt es immer was Warmes und wir haben auch erstaunlich viel Abwechslung. Einfache Gerichte, die uns aber immer schmecken. Und: es wird so gut wie alles verwertet, kaum einmal daß etwas als Fischfutter entsorgt wird. Auch während des Essens lassen wir gerne den Schmäh laufen oder diskutieren ernsthaft über ein aktuelles Thema. Schon bald nach Einbruch der Dunkelheit um 8 Uhr richten wir unsere Betten im Cockpit her. Elektrisches Licht gibt es aus Strom-Spargründen nicht, d.h. noch ein wenig Himmel und Sterne schauen, ein bißchen quatschen oder auch nur den eigenen Gedanken nachhängen, was mir besonders viel Vergnügen bereitet. Und jede Wette: um halb zehn oder zehn bist du dann im Land der Träume. Allerdings sind wir des Nachts immer wieder munter, um Kurs und Wind zu kontrollieren. „Gute Nacht, Toni„ – „Gute Nacht, Rudi„ heißt es dann, bis zum nächsten Segelmanöver oder bis zum nächsten kitschigen Sonnenaufgang.

Das negative Rekordetmal: unvorstellbare 12 Seemeilen in 24 Stunden! Dabei haben wir in der zweiten Nachthälfte sogar ein kleines Briserl gehabt, allerdings genau nach Süden. In der Morgendämmerung dreht das Lüfterl, wir fahren eine Wende und in der Folge wieder genau nach Norden. Ja; und so kommt dann eben ein Etmal wie dieses heraus. D.h., daß wir mit einem halben Knoten Geschwindigkeit am Weg sind oder für Landratten: nicht einmal 1 km/h im Durchschnitt. Jeder Spaziergänger hätte uns locker überholt, sogar Schwimmer hätten eine realistische Chance. Dazu kommt noch, daß wir heute auch die Bordzeit angepaßt haben, und die Uhr um eine Stunde zurückgestellt wurde. Man könnte auch sagen, wir tricksen mit allen Mitteln, und machen sogar den Tag um eine Stunde länger, um nicht ein neuerliches Rekordetmal verzeichnen zu müssen.

Mittwoch, 11.10. – 9. Seetag: Öl in der Timor-See

Letzte Nacht haben wir alle Segel weggenommen, um wenigstens etwas ruhiger schlafen zu können. Das nervtötende Segelschlagen sind wir los geworden, doch die Dünung hat uns noch lange von einer Seite auf die andere geworfen. Diesige Sicht und ölig-glatte See, nach dem Frühstück wird der Motor angeworfen, diesmal nicht nur zum Batterieladen, sondern um wenigstens ein paar Meilen nach West zu machen.

Kurz nach Mittag kommen die beiden Ölplattformen in Sicht. In sicherer Entfernung zu beiden nehmen wir die Durchfahrt, und schon fast nicht mehr erwartet, regt sich ein leichter SE. Sofort Segel rauf und Motor aus und ab 14.30 Uhr wird wieder einmal gesegelt. Wie lange diesmal? Nachdem es heute auch bewölkter und nicht so drückend heiß ist, kann man auch hoffen, daß der Wind eher durchsteht. 16.00 Uhr: der Wind beginnt schon wieder zu schwächeln, Vasco allein kann den Kurs nicht halten. Seit vielen Tagen spüren wir erstmalig wieder andere Menschen innerhalb unseres Horizontes, als ein Versorgungsdampfer von der einen Plattform ablegt und die südliche ansteuert.

Am späten Nachmittag können wir das Leben und Sterben im Meer beobachten. Ganz plötzlich beginnt eine Fläche von ~ 100 m² zu kochen, weil unzählige Fische immer und immer wieder aus dem Wasser springen. Das ist dann ein untrügliches Zeichen dafür, daß Raubfische – Haie - in den Schwarm eingedrungen sind und gerade Mahlzeit halten. Und wenn man vorher in der ganzen Runde weit und breit keinen Vogel gesehen hat, jetzt sind sie plötzlich alle da, ziehen ihre engen Kreise über dem brodelnden Geschehen. Immer wieder tauchen sie auf die Wasserfläche herunter, und holen sich ihren Anteil ab. Das ganze Spektakel dauert nur wenige Minuten und bald darauf beginnt es an anderer Stelle zu kochen.

Donnerstag, 12.10. – 10. Seetag: Backtag und Obstsalat by Rudi

Es ist schon richtig fad, davon zu berichten: die abendliche Brise ist bald wieder sanft eingeschlafen. Nach einer entsprechend ruhig – unruhigen Nacht sind wir schon früh munter. Am nördlichen Himmel machen wir drei Segel aus, die möglicherweise auch Westkurs laufen, bald aber in der Kimm verschwinden.

Heute morgen beobachten wir besonders viele Delfine, die Ostkurs gehen; Quallen und Seeschlangen haben wir seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Vielleicht auch ein Zeichen, dass wir uns dem großen und tiefen Indischen Ozean nähern. Die Riffe Ashmoor und Hibernian liegen jetzt noch etwa 100 sm voraus; und diese bilden ja die westliche Grenze der Timor-See. Ein weiteres Indiz ist, daß die Wassertiefe nun konstant zunimmt und ab den Riffs dann praktisch schlagartig auf einige tausend Meter abfällt.

Die drei Segler beobachten wir noch bis Mittag, allerdings nicht mehr querab im Norden, sondern achteraus im NE sichten wir sie letztmalig. Das heißt nicht mehr, als daß wir sie klar „ausgesegelt„ und besiegt haben, denn wir befinden uns nach wie vor auf Kurs 280 mit kleiner (aber doch) Fahrt voraus.

15.00 Uhr: heute war auch Backtag. Toni hat zwei kg Weißbrot produziert, ich habe zu unserem etwas verspäteten Mittagessen die ebenso hervorragende Knoblauchmargarine und geschnittenen Zwiebel beigetragen. Außerdem habe ich die Salami und eine Flasche Radler vorbereitet. Man sieht schon wieder an der Aufgabenteilung, daß du als Crew immer ein armes Schwein bist. Dieses selbe und der „wirkliche Meister-Skipper„ liegen nun wie die faulen Fliegen im Cockpit und verdauen und sind mit sich und der Welt verdammt zufrieden.

Denn als Draufgabe sozusagen, fahren wir bereits seit dem frühen Vormittag unter Segel und noch dazu genau dorthin, wohin wir auch wollen. Der SSW bis S ist zwar nur ein bescheidener 2er, dafür aber wenigstens so konstant wie schon fast eine Woche nicht mehr.

Gestern hat es ja frischen „Obstsalat by Rudi„ gegeben. Erstens habe ich viel zu viel gemacht und zweitens ist mir wohl die Rumflasche etwas ausgekommen. Jedenfalls war das Ding eher auf der starken Seite. Gut war er trotzdem, nur Toni ist den ganzen Nachmittag nicht mehr so richtig er selber geworden. Den spärlichen Rest des „Teufels-Punsches„, wie ihn Toni bezeichnete, hat es nun heute als Dessert gegeben. Ich finde, er war köstlich und die Früchte gerade richtig durchgezogen. Toni hat es gleich wieder umgeworfen. Prächtig hat er den halben Nachmittag verschlafen.

17.00 Uhr: die ganze Segelherrlichkeit auf Erden. Wie auf Schienen fahren wir mit vier Knoten exakt nach Westen. Nur selten muß ich Vasco ein wenig unterstützen, die Sonne beginnt zu sinken, Toni schläft noch immer; leise und gleichmäßig murmelt das Kielwasser. Meine Gedanken sind weit, dort bei der untergehenden Sonne, entlang dem goldenen Streifen, den sie hier auf dem Meer hinterlässt und der genau im Bug der Serengeti endet. Und am anderen Ende dieses Goldstreifens bist du – Gerti – bist du – mein Zuhause. Und ich denke in ganz warmen Farben und hellen Tönen. Alles ist irrsinnig harmonisch, genauso wie unsere Liebe (wenn wir sie nicht gerade durch irgendwelche Äußerlich- oder Kleinlichkeiten stören). Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, so weit von zu Hause zu sein und doch genau zu wissen, wo es ist. Und so muss ich wohl zur Kenntnis nehmen, niemals ein Seemann wie Beryl Markham zu sein, der sagte:

„Like all the oceans, the Indian Ocean seems never to end, and ships, that sail on it are small and slow. They have no speed, nor any sense of urgency; they do not cross water, they live on it until the land comes home„ (Wie alle Ozeane scheint der Indische nie aufzuhören. Schiffe, die ihn befahren, sind klein und langsam. Sie haben weder eine Geschwindigkeit noch gar eine Dringlichkeit. Sie überqueren nicht das Wasser, sie leben darauf, solange - bis das Land heimkommt.)

Macht mir aber überhaupt nichts. Ich bin froh und dankbar, wenigstens so viel Seemann geworden zu sein, um die Schönheit und Langsamkeit, die Ewigkeit und Bedeutung des Meeres sehen und spüren zu können. Vieles in meinem Leben und meinem Umfeld sehe ich heute anders, viel mehr schon mit Rainhard Fendrich, wenn er singt:

„Vü, vü, schena is des G’füh, waunn i a Liab gspiar – in mia,

vü, vü, wärma als de Sunn mi wärma kaunn, is ma daunn!„

Diese Zeilen schreibe ich um 1.30 Uhr während meiner Nachtwache; wir stürmen mit 6 kn dem Indik entgegen und der Vollmond steht gerade über mir. Bei uns hat soeben Freitag, der 13.10. begonnen. Du, Gerti, hast gerade deine Kellerbar aufgesperrt. Wenn ich dann um 3.00 Uhr Toni wecke und selbst schlafengehe, ist bei dir wahrscheinlich gerade highlife. Und um ½ 6 werde ich dann im Morgengrauen munter, wenn deine letzten Kurgäste gerade gegangen sind, dann schlafe ich halt noch einmal ein. Um 8.00 Uhr ist dann für mich endgültig Tagwache, du sperrst wahrscheinlich gerade zu und fährst (hoffentlich) vorsichtig nach Hause. 

Freitag, 13.10. – 11. Seetag: Wale an Steuerbord voraus

Ein wahrlich historischer Tag auf der Seereise der beiden crazy Austrians: Der SW-Wind hält weiter durch, sodaß wir heute definitiv die Timor-See verlassen und in den großen Indischen Ozean eintauchen. Zum Mittagsbesteck liegen die beiden Riffs Ashmoor und Hibernia querab.

Bis Christmas Island sind es noch exakt 1000 Seemeilen. Daß dem wirklich so ist, verdanken wir allerdings einer Neueinstellung des GPS. Toni wunderte sich schon immer, daß GPS- und die Kartenangaben meist um bis zu 15 % differierten. Mein Hinweis, daß möglicherweise statt Seemeilen Landmeilen gespeichert sind, macht ihn stutzig. Es wird die Betriebsanleitung konsultiert, und siehe da, schon bald drauf passen Karte und GPS wieder perfekt zusammen.

Kurz nach mittag kreuzt eine Walfamilie unseren Kurs. Erst haben wir sie Stb voraus, die Kameras bereit, aber kaum sind wir nahe genug, korrigieren sie ihren Kurs, und sie tauchen erst wieder Bb achteraus auf – leider nicht nahe genug für unsere dürftigen Kameras. Es sind etwa 10 Wale mit einem Schädel, der den Pottwalen ähnelt, ganz dunkel und deutlich größer als Delfine.

Der Indik läßt uns wieder Freude am Segeln finden. Schon seit Stunden rauschen wir mit 7 kn am Wind genau nach Westen. Vasco arbeitet perfekt und braucht nur selten eine kleine Korrektur. Allerdings muß ich mir für die Nacht noch etwas einfallen lassen. Die Krängung ist jetzt doch so stark, daß mich meine schiefe Bank in Luv sicher abwerfen wird.

Samstag, 14.10. – 12. Segeltag

148 Seemeilen – Rekord! Die ganze Nacht sind wir mit 7 kn unterwegs und immer genau auf Kurs. Die Krängung war dann doch nicht so schlimm, sodaß ich mit einem behelfs-mäßigen Lee-Bändsel das Auslangen gefunden habe und nicht unsanft aus meiner Koje befördert wurde. Trotzdem ich sehr gut geschlafen habe, bin ich ständig müde. Am Vormittag habe ich schon ein Nickerchen gemacht und jetzt werde ich mich auch gleich einmal abmelden. Es geht mir nicht gut; ich glaube, ich habe einfach zu viel Sonne erwischt. Ich mag nicht essen, leichte Kopfschmerzen und ständige Müdigkeit sind die Folge. Also, sollte ich wieder ein bißchen besser aufpassen, vor allem weil man bei Wind die Kraft der Sonne schnell unterschätzt.

Kurz vor Sonnenuntergang hat uns eine Schule Delfine entdeckt. Sie spielen mit unserem Boot eine Viertelstunde intensiv: rund 1 Dutzend dieser lachenden Säugetiere springen oft zwei bis drei Meter aus dem Wasser heraus, meist paarweise und absolut synchron. Toni fotografiert, was die Kamera hält, ich bin so fasziniert, daß ich glatt vergesse, die Kamera zu holen. 

Sonntag, 15.10. – 13. Seetag: Traumbuchsegeln

Seit mehr als drei Tagen ziehen wir nun schon auf Steuerbordbug exakt nach Westen. Ganz selten und nur geringfügig müssen die Segel und die Windfahne etwas nachgestellt werden. Mit einem Wort: es ist nichts zu tun an Bord und die Mannschaft ist in bester Laune. Essen, Körperpflege und lesen heißen die wichtigsten Tagesaktivitäten. Schnapsen geht nicht mehr, weil Toni endgültig das Handtuch und die Karten geschmissen hat, nachdem er die fünfte Niederlage en suite kassiert hat. Das hat natürlich ausschließlich mit meinem Glück zu tun; daß ich vielleicht besser spiele, läßt er nie und nimmer gelten.

Ein Tanker hat sich heute kurz am Horizont gezeigt, und uns wieder einmal daran erinnert, daß wir doch nicht ganz allein sind auf dem weiten Ozean. Er kam von Norden aus den indonesischen Inseln und nahm dann Kurs Ost nach Australien.

136 sm zeigt das GPS als heutiges Etmal – wunderbar! Wenn der Wind so weiter durchhält, dann können wir Christmas Island bis Freitag schaffen. Aber nur einen halben Tag Flaute, und wir schaffen es nicht mehr vor dem Wochenende. Dann müssen wir halt zu höheren Gebühren einklarieren. Aber, was soll’s, erstens kann noch viel passieren bis Christmas und zweitens müssen wir es sowieso nehmen, wie es kommt. Jedenfalls befinden wir uns auch gerade über dem tiefsten Punkt des Indik: 7.014 m Wasser haben wir unter dem Kiel. Eine sehr große und doch unbedeutende Ziffer, weil es keinen Unter-schied macht, ob das Meer jetzt 200 m oder 10.000 m tief ist. 

Montag, 16.10. – 14. Seetag: Regen und die 1000. Seemeile

Morgens um sechs Uhr setzt leichter Regen ein. Rundherum ist es bewölkt und von E / SE kommt eine Front auf. Der Wind legt zu, als die Front drüberzieht, wird aber nicht stärker als 5 bis 6 bft. Hinter der Front setzt relativ starker Regen ein, der ungefähr zwei Stunden dauert. Danach haben wir variable, schwache Winde. Um zehn Uhr wird der Motor gestartet, weil sowieso auch die Batterien geladen werden müssen. Mittags verbuchen wir mit 155 sm ein neues Rekordetmal seit Darwin. Mit der Freude lebt auch die Chance auf, Christmas Island noch vor dem Wochenende zu erreichen. Noch sind es knapp 600 sm.

Während des Regens hatten wir backbord querab ganz plötzlich einen Wal mit 6 – 7 m Länge, der sich regelrecht dem Süßwasser entgegenreckt und damit ganz spektakulär bis zur Hälfte aus dem Wasser kommt. Als wir dann endlich auf Fotodistanz heran sind, taucht er leider ab.

Im Laufe des heutigen Tages werden wir auch unsere 1.000. Seemeile abspulen; wir haben allerdings auch schon den 14. Tag auf See. Keine berauschende Leistung also, wenn man sich allerdings die tristen Flautentage vergegenwärtigt, dann ist man schnell wieder zufrieden. Und Bali haben wir heute auch querab; allerdings gut 200 sm entfernt – keine Gefahr also für die balinesischen Schönheiten und unsere eigenen zuhause!

Toni hat sich Palatschinken gewünscht, die ich auch super hinkriege (weil ich mich an Co-Smutje Rainers Weisheit erinnere, dass Teig und Smutje mindestens eine Stunde ruhen müssen!). Großes Lob also von der ganzen Mannschaft, außer vom Smutje des Tages, dem ist nämlich von der Hitze in der Pantry schlecht geworden und hat keinen Appetit.

Mit der Dunkelheit kommt die nächste Störungsfront. Kaum haben wir unsere Betten gerichtet, beginnt es zu regnen. Flucht nach unten ist angesagt. Ein komisches Gefühl, nach zweieinhalb Wochen erstmalig wieder in der Koje zu schlafen. Es ist mir auch viel zu heiß und die Schiffsbewegungen sind hier auch ganz ungewohnt. Der Regen ist bald vorbei und ich ziehe wieder in mein gewohntes Bett im Cockpit. Mit fast unglaublichen 7 bis 7,5 kn nur unter Genua rauschen wir durch die Nacht – genau nach Westen! Um ca. zwei Uhr erwischt mich wieder der Regen und diesmal bleibe ich dann unten in meiner Koje. Ich stehe zwar ein paarmal auf, um Ausguck zu gehen, geschlafen wird jetzt aber unten.

Dienstag, 17.10. – 15. Seetag: eine nächtliche Fischerflotte

Nachdem wir nächtens bei vier bis fünf beaufort schon fast geflogen sind, wird es vormittags klarer und ruhiger. Mich hat eigentlich überrascht, daß die Wellen in diesen Störungsfronten nicht höher wurden. Ich kann nicht gut schätzen, aber 2 bis max. 2 ½ m dürften die größeren Wellen gewesen sein. Als der Wind sich dann bei drei bft. einpendelt, setzten wir auch wieder das Groß.

Ein richtig fauler Tag: Frühstück, dann ein bißchen lesen, ein wenig schlafen, Mittagessen, ein bißchen lesen, ein wenig schlafen! Ofenhuckertag würden wir zuhause sagen, weil heute auch kein Badewetter ist. Inzwischen ist es ganz bewölkt, angenehm kühl, kein Regen und etwa 3 bft. Wind. Seit dem Mittagsbesteck sind wir wieder ganz toll unterwegs – das GPS meint als Hochrechnung, wir wären schon Donnerstag abend in Christmas. Allerdings nur dann, wenn wir weiterhin mehr als 8 kn speed machen, was natürlich nicht realistisch ist.

Es ist schon einige Zeit her, daß wir den letzten Schiffskontakt hatten. Heute aber soll es anders kommen. Mit dem Dunkelwerden ist es heute richtig finster. Total bewölkt sind Mond und Sterne nicht sichtbar. Nur das Plankton in der Bugwelle und im Kielwasser fluoresziert wie noch nie. Wie ein Weihnachtsbaum voller Wunderkerzen zieht die Serengeti durch die Nacht. Dann plötzlich ein Lichtschein achteraus – für den Mond zu früh und auch zu tief – was ist es dann? Ein zweiter Schein an Steuerbord auf zwei Uhr, dann ein dritter und vierter ebenfalls an Steuerbord, was ist denn da los? Fischerboote? Wir befinden uns südlich von Java, gut 200 sm von der Küste entfernt, wohl etwas zu weit für die indonesischen Fischer, oder? Inzwischen sind es sieben Lichter, die in recht gleichmäßigen Abständen und ähnlich starker Leuchtkraft unser Boot von recht voraus bis recht achteraus über die ganze Steuerbordseite abdecken. Wir wissen zwar genau, wo wir sind, doch sicherheitshalber mache ich einen GPS-Check. Beim Blick auf die Karte fällt mir dann der Kontinentalschelf auf; etwa 10 sm nördlich von uns steigt der Indische Ozean von sechs- bis siebentausend Meter Wassertiefe auf sechs- bis achthundert an. Und diese Abbrüche sind bekanntlich immer die fischreichsten Gebiete – also haben wir es offen-sichtlich mit einer organisierten Fischfabrik zu tun, die aus mehreren Schiffen besteht. Offen bleibt nur die Frage, ob es indonesische Fischer oder vielleicht eine jener berüchtigten japanischen Fischflotten ist, die überall auf der Welt das Meer leermachen. Gegen Mitternacht haben wir dann das letzte Licht achteraus und der Indik und die Nacht gehören wieder uns allein.

Mittwoch, 18.10. – 16. Seetag: ein Rekordetmal von 184 sm!

Nach zwei Tagen mit mehreren Störungsfronten wird es heute wieder makellos schön, sommerlich und tropisch warm. Ich ziehe aus meiner Koje wieder ins Cockpit, was gleich auch mit einem großen Zusammenräumen verbunden wird. Und wenn wir schon dabei sind, dann machen wir auch gleich einen Waschtag, damit ich in Christmas Island genü-gend frische Socken habe (hahahaha!) Aus den Tiefen der Bilge werden Sprite und Sirup hervorgeholt. Mit all diesen Arbeiten geht der Vormittag rasch vorbei.

Mittagsbesteck: gigantische 184 sm zeigt das GPS an, das ist absoluter Serengeti – Rekord, und entspricht einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von acht Knoten in den letzten 24 Stunden. Für ein 38 Fuß – Boot ist das ein ganz hervorragendes Ergebnis. Wir freuen uns natürlich riesig, und feiern das mit einem kleinen mittäglichen Whisky – jetzt haben wir noch weniger als 300 sm bis Christmas und mehr als zwei Tage Zeit – da dürfte also nichts mehr passieren, daß wir noch am Freitag einklarieren können. 

Donnerstag, 19.10. – 17. Seetag: die Serengeti – ein Beauty-Studio

Heute morgen sind es noch rund 160 sm. Wir werden also morgen früh den Landfall haben. Der Skipper ist schon nervös und beginnt bereits um acht Uhr mit den Schönheitsarbeiten: rasieren und Morgenschiß bis neun, anschließend duschen und Haare waschen (mit Schuppenshampoo!) bis zehn. Sein Kommentar dazu: „Es ist verdammt hart, der schönste zu sein!„ Da fällt mir doch mindestens einer in der Crew ein, der locker schöner ist. Jedenfalls folgt dem anstrengenden Teil trocknen und Sonne liegen, weil die Vormittagssonne ja so gut für den Teint ist, gefolgt von umfangreichen Schmier- und Eincremearbeiten am ganzen Körper. Dazu verwendet der vorsichtige Skipper „Best for Babies„ von Johnston & Johnston.

Fairerweise sei angemerkt, daß sich die Crew nicht minder eitel zeigt und ebenso rasiert, wäscht und schmiert. Schließlich steht nicht nur der Landfall bevor, sondern für heute abend ist auch die Wahl des Mr. Serengeti angesagt (20.00 Uhr, live im Cockpit). Gewählt wird in zwei Kategorien: Offiziere und Crew. (Das war die einzige Möglichkeit, Mord und Totschlag schon im Vorfeld zu verhindern). Eine internationale und fachkundige Jury wird noch gesucht.

Unser Mittagsbesteck meldet 145 sm und noch 144 verbleibende Meilen bis Christmas Island. Hocherfreut nehmen wir zur Kenntnis, daß wir morgen mittag auf jeden Fall schon ein kühlews Bier genießen werden. Doch so ist es eben auf dem großen Meer: kaum gefreut, schläft der Wind ein. Eine Zeitlang erfreue ich mich noch an der ungewöhnlichen Dünung mit drei bis vier Meter hohen Wellen, die aber sehr lang und etwa 60 bis 70 Meter voneinander entfernt sind. Ganz weich und sanft ziehen immer wieder neue Wellenberge auf und ebenso überrascht schaust du gleich darauf wieder in ein neues Wellental. Ich könnte stundenlang zuschauen.

Die Batterien sind zu laden und wir wollen morgen an Land, darum wird ab 15.00 Uhr Motorboot gefahren; jetzt darf wieder einmal Gusti, der Eiserne, Verantwortung und das Steuer übernehmen. Der Sundowner fällt heute auch etwas stärker aus und das Abendessen Makkaroni mit einer g’schmackigen Speck- und Gemüsesauce und Salat ist exzellent. In Vorfreude auf den morgigen Landfall fällt alles leichter und die Stimmung ist ganz locker und überaus gut. Nur der Motor stört ein wenig, obwohl er nicht sehr laut ist und auch wenig vibriert, wie ich es auf so manchem Charterboot schon erlebt habe.

Freitag, 20.10. – 18. Seetag: Landfall in Christmas Island

Gleich die schlechte Nachricht vorweg: um halb acht Uhr morgens haben wir immer noch 57 sm bis Christmas Island, wir machen gerade 4 kn Fahrt unter Motor, weil es so gar kein bißchen Windunterstützung gibt. Aeolus, der alte Windbeutel, sitzt da oben, und tut wohl alles, daß ihm ja keiner auskommt. So werden wir auch heute nicht rechtzeitig genug einlaufen können, und die australischen Gebühren sind schon ohne Aufschläge ganz schön geschmalzen. Aber, was soll’s, wir müssen’s nehmen, wie es kommt.

Gestern abend haben wir sogar vergessen, den Mister. Serengeti zu wählen. Wohl auch deswegen, weil uns die internationale Jury im Stich gelassen hat (die haben wahrscheinlich ein Segelboot gesucht und uns auf dem Motorsegler wahrscheinlich nicht erkannt). Jedenfalls wird beim Frühstück einstimmig beschlossen, daß die Crew den Mr. Serengeti der Offiziere wählt, und die Offiziere den Mr. Serengeti der Crew. Nach hochoffizieller Beratung wird das Ergebnis lautstark bekanntgegeben:

Kategorie Offiziere: 1. und Mr. Serengeti ist ---- Tooooniiiiiiii Booooziiiiiiiic!

Kategorie Crew: 1. und Mr. Serengeti ---- Ruuuudiiiiii Diiiiiethaaaaaaaart!

Wenn auch das Ergebnis keine wirkliche Überraschung bringt, so darf man schon gespannt sein, wie die Damen auf Christmas Island so viel geballte Schönheit aufnehmen werden.

Nachdem noch kein Land in Sicht ist, und der Landfall noch ein paar Stunden weit weg, ist ausreichend Zeit, für ein kleines

Resumée der ersten Langfahrt

18 Tage auf See und 1500 Seemeilen im Kielwasser sind für mich doch eine absolute Premiere. Was also hat mich überrascht, was habe ich mir doch anders vorgestellt?

1.    Die friedvolle See

Als wollte mir der Ozean den Einstieg besonders leicht machen, hatten wir ausschließlich Leichtwind mit zwei bis vier beaufort. In und nach den Störungsfronten gab es 4, manchmal bis 5 bft. Aber starke Winde oder gar Sturm hatten wir bisher keinen abzureiten.

2.    Der Kampf in der Flaute

Mit insgesamt sechs aufeinanderfolgenden Tagen mit jeweils weniger als 40 sm Etmal wurde es uns nicht leichtgemacht. Das Schlagen der Segel zerrt recht rasch an den Nerven. Tonis positive Einstellung „Auch Flauten müssen ertragen werden„ hilft halt auch nur in gewissen Grenzen. Schlußendlich ist eine Flaute Psychoterror pur!

3.    Die Psychologie an Bord

Ich bin sehr froh, daß wir uns vorher wenigstens von einer gemeinsamen Segelwoche gekannt haben und grundsätzlich über viele positive Eigenschaften des anderen Bescheid gewußt haben. Auch die Hierarchie war immer klar: auf der einen Seite der wirkliche Meister-Skipper, und auf der anderen das arme Deckschwein (kleiner Scherz). Wir hatten wirklich nie Mißstimmung, Ärger oder gar Streit. In der ersten Woche, während der Flautentage, ist der Macho-Skipper manchmal durchgeknallt, der sich selber immer rasch wieder zurückgenommen hat. Und je besser ich mich eingelebt hatte, umso freundschaftlicher wurde auch die Beziehung an Bord. Wir haben dann in vielen Gesprächen und Diskussionen so manche Ähnlichkeit in unserem Weltbild festgestellt.

Wie ich überhaupt überzeugt bin, daß das Bordleben unter halbwegs intelligenten Menschen mit etwas Rücksicht, Vorsicht und Nachsicht recht leicht zu gestalten ist. Das dürfte für uns beide vollinhaltlich zutreffen. Ich kann mir auch recht gut vorstellen, daß die Psychologie an Bord mit jeder weiteren Person komplizierter wird, weil dann plötzlich Gruppenbildung(en) möglich werden, die für eine Crew unter Umständen gefährlich werden kann.

4.    Die Natur

Ich kann mich auch nach 18 Tagen auf See an der Weite und ständigen Veränderung rundherum nicht sattsehen. Wenn wir auch nicht allzu viele Tiere gesehen haben, so hatten wir doch einige interessante Begegnungen mit Seeschlangen, Schildkröten, Haien, Walen, Delfinen, fliegenden Fischen und mehreren Arten von Wasser- und Seevögeln.

5.    Mein persönliches Wohlbefinden

Nach einer ersten Eingewöhnungswoche, die durch die Flautentage gleich verschärft wurde, fühle ich mich rundherum wohl. Ich kann eigentlich 24 Stunden jeden Tag in vollen Zügen genießen, ein Leben in und mit der Natur ohne irgendwelchen Druck. Ich habe aber auch schon bald erkannt, daß es für mich kein persönlicher Traum sein wird, einmal die Welt zu umsegeln. Das Leben auf und mit der See und der Rhythmus der Fahrtensegler sind es viel mehr, die mich faszinieren. So kann man sich auch viel besser die seglerischen Gustostückerl heraussuchen, die halt leider auch immer weniger werden. Eine Route so abzustecken oder einen Aufenthalt da oder dort auslassen zu müssen, um in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Ausgangslinie zu kreuzen, wird für mich nie ein Ziel sein.

20.00 Uhr Bordzeit = 18.30 Uhr Ortszeit: mit dem letzten „Büchsenlicht„ erwischen wir die Festmacheboje in der Bucht von Settlement, Christmas Island. Nach 17 Tagen und 8 Stunden haben wir 1.515 sm im Kielwasser (bei 45 Motorstunden). Die erste Emotion ist ziemlich gedämpft: etwas müde von der Sonne und dem ersten Eindruck der „Hauptstadt„, die von einem riesigen Phosphatwerk dominiert wird. Alle Bäume und Sträucher und die paar Palmen sind grau vom Industriestaub. Der Ort selbst scheint ein Straßendorf zu sein. Während ich diese Zeilen schreibe, schickt gerade ein Muezzin seine Gebete über die Bucht. Wo sind wir denn hier? Toni tippt auf Fethyie in der Türkei, und ich muss ihm lachend Recht geben.

Zum Einklarieren treffen wir Polizei und Quarantäne am Dingisteg. In zehn Minuten sind alle Formalitäten ohne großen Zinnober erledigt. Die netten Polizisten wissen auch genau, was wir jetzt brauchen und bringen uns „dienstlich„ zum nächsten Pub mit einem kühlen Bier. Direkt daneben gibt es auch eine Pizzeria für den ersten Hunger, unser Problem allerdings ist, daß wir keine australischen Dollar (AUD) mehr haben, weil eine Station in Christmas ja nicht eingeplant war. Kreditkarten und US-Dollar werden nicht akzeptiert, dafür haben wir aber sofort und unbürokratisch Kredit. Unter dem Namen „Tony Y. Serengeti„ eröffnet Sharon, die Kellnerin, ein neue Seite im großen Debitorenbuch. Später fällt mir auf, daß hier offensichtlich keiner bar zahlt. In der Pizzeria ist es nicht anders, obwohl man uns sagt, dass die Bank wegen Computerschadens heute sowieso geschlossen war, und ob sie Montag wieder offen sein werde, sei noch ungewiss. Wie auch immer, wir genießen unsere ersten kalten Biere und die Gespräche mit anderen Leuten seit fast drei Wochen. Gegen 11 aber sind wir nur mehr müde, bald zurück an Bord und gute Nacht!

Samstag, 21.10. – 1. Hafentag in Christmas Island

Christmas Island hat heute schon viel an Sympathie gewonnen. Das liegt aber sicher nicht an der Insel, am Phosphatwerk oder gar am indonesischen Frachter, der seit sieben Uhr morgens nur 200 m von uns entfernt beladen wird. Es liegt an den Einwohnern der Insel und ihrem „easy-going„. Rund 2500 Menschen leben hier: 90 % sind Chinesen und Malaien, zwei- bis dreihundert Australier bzw. Europäer. Wir sind gerade einmal einen Tag da, schon überall bekannt und Kredit ist bereits selbstverständlich.

Der einzige Internetladen hat heute zufällig offen und es macht uns natürlich Freude, gleich einmal mit zuhause Kontakt aufzunehmen. Ich habe keine Post erhalten (niemand schreibt mir?!?), kann aber einen ersten Bericht durchgeben und alle meine Fragen stellen. Mal schauen, was dann am Montag an Post da ist.

In „unserem„ Pub, dem Golden Bosun – wir sind beim zweiten Besuch ja schon längst Stammgäste - ist kurz vor Mittag bereits viel los. Ein Freund ist gestern nacht im Krankenhaus gestorben und so treffen sich heute im Laufe des Tages alle in der Kneipe und trinken einen oder zwei auf den Verblichenen. Für Sonntag, zwei Uhr, ist eine offizielle Gedenkveranstaltung mit Live-Musik und Fisch-Barbecue angesagt. Toni und ich sind natürlich herzlich eingeladen, „Jimmy the hat„ wenigstens im nachhinein ein wenig kennenzulernen. Aber so ist Australien und die Lebensart, die uns einerseits etwas fremd ist und doch sofort gefangennimmt.

Mittagessen nehmen wir heute in der „Chinese Library Association„. Das ist eine kleine Halle mit 30 mal 80 m im Rechteck mit zwei Kästen mit Büchern und einigen Tischen und Stühlen, sowie eine kleine abgetrennte Küche. Die beiden Bücherkästen sind auch recht interessant: der eine enthält ungefähr drei Laufmeter extrem abgegriffene, chinesische Bücher, der zweite etwa ebenso viele besser erhaltene, englische Trivialliteratur. Keine Ahnung, was diese Ansammlung von „Literatur„ mit dem Restaurant zu tun hat – vielleicht gibt es von irgendeiner Institution interessante Förderungen für die Förderung der Literatur, wie es auch im Betriebsnamen zum Ausdruck kommt? Das Essen ist jedenfalls gut und ausgesprochen billig; abgesehen davon, dass es Samstag mittag sowieso das einzige offene Lokal auf der ganzen Insel ist. 

Sonntag, 22.10. – 2. Hafentag

Sonntag ist Ruhetag – von wegen! Wir schöpfen den ganzen Vormittag. Kartoffel und Zwiebel müssen aussortiert werden. Erfreulicherweise haben wir nur ganz wenige verdorbene. Die Behälter sind natürlich auch gleich ordentlich zu reinigen. Und weil wir schon beim Saubermachen sind, wird unser Wohn-Schlafcockpit gründlich geschrubbt.

Dann werden die Wassertanks aufgefüllt. Wir leeren sämtliche Kanister in den Tank, fahren dann mit dem Dingi zum Strand, wo wir die Kanister an einer öffentlichen Wasserleitung auffüllen. Nach zweimaligem Füllen haben wir rund 130 l Wasser ergänzt. Und das wiederum paßt mit unserer Verbrauchsberechnung ganz gut zusammen: ca. 2 l pro Mann und Tag haben wir für Trinken gebraucht, ergibt seit Darwin also rund 90 l, der Rest ist für Kochen und Zähneputzen aufgegangen. Die nächste Etappe wird aber länger: ungefähr 35 Tage rechnen wir bis Malé. Bei gleichbleibendem Verbrauch wird es aber keinerlei Problem geben.

Um ca. drei Uhr treffen wir im Golden Bosun ein, wo schon an die fünfzig Leute da sind. In der einen Ecke wird die Auktion aufgebaut: vor allem T-Shirts und Kappen, die von Privaten und Geschäftsleuten gespendet wurden; alles natürlich nagelneue Ware. 5 AUD zahlt man als Pauschale: dafür kriegt man einen blauen Punkt aufs Hemd geklebt und die Berechtigung, Freibier vom Faß zu konsumieren. Und dann gibt es Musik: fröhlich und ausgelassen, so wie es Jimmy the hat auch gerne gehabt hätte. Er war an die 60 Jahre alt, ein Lastwagenfahrer und offensichtlich ein Original, der im Golden Bosun sein Wohnzimmer hatte. Er war einer der treuesten Stammgäste. Leider an Krebs und zu früh gestorben. Schon am Vormittag hat es eine einstündige Radiosendung als Nachruf gegeben, die wir zufällig an Bord während unserer Reinigungsarbeiten gehört haben. Ja, für CI. (sprich: Si Ei), wie die Insel hier genannt wird, war Jimmy kein kleiner Lastwagen-fahrer, sondern ein Promi, den einfach jeder gekannt und gemocht hat.

Die meisten T-Shirts sind mit Symbolen und Terminen von bekannten Rugby-Turnieren bedruckt, für uns völlig unbekannt. Rugby hat hier aber mindestens einen ebensolchen Stellenwert wie Skifahren in Österreich. Nur, daß hier noch extrem gerne und viel darauf gewettet wird. Jedenfalls haben die T-Shirts für die Aussies eine große Bedeutung. Bis zu umgerechnet S 3.000,- (in Worten: dreitausend) werden für ein T-Shirt bezahlt. Und so kommen zahlreiche weitere Artikel unter den Hammer. Über einige Stunden zieht sich die ganze Auktion. Die Stimmung ist enorm angespannt, ausgelassen, aber nicht trauernd oder gar weinerlich. Ganz zum Schluss dann der Höhepunkt: die Versteigerung des weißen Hutes von Jimmy, seinem Markenzeichen und Namensgeber, für den es an seinem Stammplatz einen eigenen Haken mit Namensschild in Messing gibt. Er wird schließlich nach zähem Bieten stilgerecht von John, dem Wirt des Golden Bosun um fast unglaubliche AUD 6.000,- (= S 55.000,-) ersteigert. Alle Einnahmen aus der Auktion und auch der Erlös des Barbecue gehen zur Gänze an die Hinterbliebenen. Ich schätze, dass so gut und gerne S 200.000,- erzielt wurden.

Noch zwei bemerkenswerte Bekanntschaften machen wir an diesem feucht-fröhlichen Sonntag nachmittag und abend: Da ist einmal Markus, ein Österreicher, der seit zwei Jahren in CI lebt und hier eine Tauchschule und –basis aufgebaut hat und betreibt. Er ist so begeistert von den Tauchgründen hier, daß er auf jeden Fall hierbleiben will. Und nach dem Ende der Phosphatindustrie erwartet er für die nächsten paar Jahre große touristische Investitionen und damit auch einen entsprechenden Aufschwung für sein Unternehmen. Mit seinem Einsatz und seiner Begeisterung wird er es bestimmt schaffen und den Respekt der Einheimischen hat er sich schon längst erworben, wie wir aus zahlreichen Gesprächen mitkriegen.

Die zweite Bekanntschaft ist Sara, die örtliche Zahnärztin, Engländerin, jung und süß, und Toni ist in sie verliebt, bevor er noch einen Termin mit ihr hat. Auch in Sachen Zahnarzt - Terminvereinbarung gibt es wieder eine typische CI-Story. Sara meint zwischen zwei Drinks ganz einfach: „Ich bin morgen um acht wieder in der Klinik, dann schaue ich gleich die Termine durch, wo ich dich (Toni) hineinpacken kann, dann rufe ich die Polizei an, und die können dir dann per Funk Bescheid geben.„ Das ist nicht nur so einfach und halblustig dahingesagt, sondern es hat auch genauso einfach am nächsten Morgen funktioniert, als Dave, der officer, um acht Uhr zehn funkt: „Serengeti, Serengeti, Serengeti, this is Dave, good morning to you, ... you have an appointment at 1.30 pm. ...„

Mitsegeln über den Indischen Ozean

Montag, 23.10. – 3. Hafentag

Habe ich schon erzählt, daß es auf CI kein Taxi gibt? Es geht auch niemandem ab, weil man mit Autostoppen bestens weiterkommt. Und dabei auch gleich wieder eine interes-sante Bekanntschaft macht. Nachdem wir derzeit das einzige Segelboot in der Bucht sind, kennt uns natürlich auch jeder. So lernen wir auch Jasper kennen, ein gebürtiger Däne, Architekt, Anfang dreißig, der sich gerade auf CI seßhaft macht, nachdem seine Eltern schon einige Jahre hier leben. Er erzählt uns die Geschichte der

Red Crabs auf CI.

Auf CI leben etwas mehr als 2000 Menschen und ungefähr 200 Millionen rote Krabben. Die ‚red crabs‘ bevölkern die Wälder der Insel und starten zu Beginn der Regenzeit Anfang Dezember ihre große Wanderung, um sich fortzupflanzen. Erst einmal marschieren ~ 100 Millionen Männchen los. Alle zur gleichen Zeit, dem gleichen Trieb folgend zum Meer. Quer durch Gärten, über Straßen, durch die Häuser, Geschäfte und Wohnungen zieht ein einziger, langer Strom von roten Krabben. Sie sind völlig friedlich und harmlos, aber halt immer und überall ständig im Weg. Oder anders gesagt, in dieser Zeit gehört die Insel den Krabben und die Menschen nehmen wenigstens weitgehend Rücksicht auf sie, obwohl ich mir vorstellen kann, daß es nicht leicht zu ertragen ist, wenn dir nachts ständig Krabben über das Gesicht krabbeln. Im Meer angelangt, bereiten die Männchen die Unterkunft für ihre Frauen vor (so sind wir halt, wir Männer!) Und dann brechen die 100 Millionen Damen auf und wieder zieht eine endlose Prozession roter Krabben quer über die ganze Insel zum Meer und zu ihren Partnern. Nach der Befruchtung werden die Männchen nicht mehr gebraucht und sie können heimgehen in den Wald, während die Weibchen noch mit der Brut zu tun haben. Nach dem Ablaichen zieht es auch die Weibchen wieder zurück in den heimatlichen Wald. Und nochmals einige Zeit später beginnt dann der Zug der jungen, frisch geschlüpften Krabben. Fünfmal insgesamt sind also zig Millionen Krabben unterwegs quer über die Insel. Millionen werden von Vögeln und Fischen gefressen, ebenso viele auch zertreten und überfahren, obwohl die Einwohner von CI auf ihre roten Krabben regelrecht Rücksicht nehmen. Schade, daß wir dieses Naturspektakel nicht selbst erleben können, dazu müssten wir noch gut ein Monat hierbleiben, was ja nicht wirklich ein Problem wäre bei der Gastfreundschaft. Dann aber hätten wir aber witterungsmäßig große Probleme auf unserem Weg nach Westen und mit unserer Zeitplanung wäre es auch nicht vereinbar.

Denn für uns heißt es bereits morgen, Dienstag, wieder: Leinen los. Sara hat Tonis Zahn ganz unpathetisch gezogen. Da leider keine weiteren zeitaufwendigen Nachbehandlungen notwendig sind, die eine Aufenthaltsverlängerung rechtfertigen würden, heißt es unseren planmäßigen Abschied vorbereiten.

Von Jasper lernen wir auch die Privilegien eines CI - Bewohners kennen: sie können ihre Autos aus dem billigen und nahen Singapur quasi steuerfrei einführen. Bedingung für den Käufer: er muß seinen ordentlichen Wohnsitz in CI haben und das Auto muß mindestens ein Jahr auf CI bleiben. Danach kann es aber ohne weiteres nach Westaustralien gebracht und dort am Gebrauchtwagenmarkt verkauft werden. Ein Mercedes der geho-benen Klasse kostet inklusive Transport von Singapur und Anmeldegebühren in etwa AUD 25.000,-. Dasselbe Auto erzielt nach einem Jahr in Perth ungefähr AUD 45.000,-. Zweimal jährlich darf ein CI-Bewohner das machen, das ergibt unter dem Strich einen Gewinn von AUD 40.000,-. Und damit kannst du eigentlich schon fast ein Jahr lang bescheiden in CI leben. Also, auf nach CI, oder?

Dienstag, 24.10. – 4. Hafentag und Abschied von CI

Wir sind schon zeitig am Werken, weil es noch einiges zu tun gibt. Kaum an Land, begegnen wir Jimmy the hat auf seinem letzten Weg. Sein Truck ist über und über mit frischen Blumen geschmückt und mittendrin steht der Sarg. Gelenkt wird der Truck vom Chef des Zwei-Mann-Unternehmens; noch einmal geht es im Schritttempo durch den Ort und dann zum Friedhof am anderen Ortsende.

Toni und ich machen inzwischen alle unsere letzten Wege auf CI: Spagettitopf reparieren lassen, noch einmal ins Internet, Mooringfee bezahlen, ausklarieren bei der Polizei. Die letzten AUD verbrauchen wir im Supermarkt für frische Steaks und Salat, und dann die allerletzten Dollars für ein allerletztes kaltes Bier im Golden Bosun.

Fast gleichzeitig mit uns treffen die Leichengänger im Golden Bosun ein. Weil beim Friedhof draußen wenig Parkplatz ist, haben viele gleich beim Golden Bosun geparkt und sind mit dem Schulbus die paar Kilometer hin- und hergefahren. Und jetzt herrscht einmal wirkliche Trauerstimmumng nach der Rückkehr vom Friedhof. Das Begräbnis ist allen offensichtlich doch sehr nahe gegangen. Und schließlich – nach ein paar Bier und nachdem die Stimmung schon wieder wesentlich leichter wurde, heißt es auch für uns, endgültig Abschied zu nehmen. Und man möchte es nicht glauben, wie schwer uns der Abschied fällt. Wenn man bedenkt, wie negativ der erste Eindruck von CI. war, und wie kurz unser Aufenthalt doch ausgefallen ist. Umso mehr bewundere ich die Lebensart der Aussies, die so offen und freundlich auf dich zukommen, die dir so ehrliche Gastfreundschaft entgegenbringen. Nicht zu vergessen natürlich das Lebensende von Jimmy the hat, den wir zwar nie persönlich kennenlernen konnten, von dem wir aber so viel mitnehmen konnten. „Danke, Jimmy! It‘s time to say goodbye!„

Um 17.00 Uhr Ortszeit lösen wir die Leinen und nehmen Kurs West. Mit einer schönen Brise aus SE gleiten wir in die Nacht hinein. Unsere Stimmung ist irgendwie betrübt, recht leise. „Partir, c’est un peu mourir„ (abreisen heißt ein bisschen sterben) sagt ein französisches Sprichwort.

Freitag, 27.10. – 3. Seetag

Zwei Tage war der Bub krank und seither weiß ich genau, dass ich nicht 100 % seefest bin. Wie es dazu kam? Ganz einfach, die erste Nacht auf See hatten wir gut 4 bis 5 bft, aber recht ruppige See. Ich habe morgens noch Frühstück gemacht, auch Zwiebel mit Speck und Eiern. Doch kaum war das Frühstück fertig, war mir nur mehr schlecht allein. Ich konnte die Eier nicht mehr sehen und den Speck nicht riechen. Zwei Tage habe ich dann mehr vor mich hingedöst als sonst was: essen, lesen oder gar schreiben, war absolut unmöglich. Gestern abend habe ich dann das erste Mal wieder feste Nahrung zu mir genommen und seit heute bin ich auch wieder im Dienst.

Was seither geschah? Monotones, traumhaftes Segeln stur nach West mit fantastischen Etmalen: erst 155 sm unter Groß und Genua, dann 145 sm nur unter Genua, aber wesentlich ruhiger. Und seit heute morgen zieht uns überhaupt nur mehr der Blister ruhig und geräuschlos westwärts. Segelmanöver gibt es so gut wie keine. Traumbuch-Segeln also! In der Koje meinst du, du liegst in einer Marina, weil nur ganz leise das Wasser an der Bordwand gurgelt und kaum Bewegung zu spüren ist. Tatsächlich aber sind wir mit rund 5 kn Fahrt unterwegs nach Chagos auf gut 5000 m Wassertiefe – von wegen Marina also!

Segeln um die Welt - Abenteuer des Lebens


Sonntag, 29.10. – 5. Seetag: Die Gewerkschaft muss her!

Von wegen ausspannen und erholen am Wochenende. Richtig geschöpft haben wir schon wieder, und das die ganze Zeit – zumindest fast ohne Pause. Der Ruf nach der Seefahrergewerkschaft war wohl unüberhörbar. Gestern morgen machten wir, was schon eine Zeitlang anstand: Wäsche waschen; gut, war in 20 Minuten erledigt. Dann aber kam Toni: unser Bimini hat schon länger einen gut 30 cm langen Riss, der sich langsam, aber sicher vergrößerte. „Man muss nur einmal drübergehen, dann ist es in einer Stunde erledigt„, meint der Meisterskipper. Also, gehen wir halt drüber. Beim Abmontieren des schon sehr UV-geschädigten Biminis verdoppelt sich der eine Riss, und ein zweiter, ebenso langer entsteht völlig neu. „Na servas„, aber frohen Mutes beginnen wir zu nähen. Der Meisterflicker näht und ich versuche, die brüchige Persenning und das Reparaturstück so gerade wie möglich und auf Zug zu halten. Gar nicht so einfach, aber nach dem Motto, auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt, gehen wir halt unsere Schritte und setzen einen Stich nach dem anderen. Mittagspause machen wir nach 2,5 Stunden – von fertig keine Spur. Am Nachmittag machen wir weiter, müssen aber bald unterbrechen, weil sich ein Thuna von gut 3 kg auf unseren Haken verirrt hat. Der hat jetzt natürlich Vorrang auf seinem Weg in die Pfanne. Am Abend gibt es dafür herrlich frisches Thuna-Sushi mit Reis und Salat.

Heute morgen haben wir dann unser Persenning – Patchwork beendet. Gerade rechtzeitig zum Frühschoppen um 11 Uhr haben wir dann endlich wieder Schatten im Cockpit und zwei Flaschen Radler sind auch rasch fertiggestellt. Mittags speisen wir dann gebratenen Thuna mit Reis und Gemüse, einfach herrlich! Und am Nachmittag beginnt endlich das Wochenende. Aufgrund der zahlreichen Überstunden haben wir beschlossen, das Wochenende bis Freitag auszudehnen.

Das Wetter ist nach wie vor schön und warm. Wolken und Wolkenbänke ziehen in atemberaubendem Tempo durch. Riesige Quellwolken entstehen in einer Viertelstunde und fallen oft ebenso schnell in sich zusammen. Regen haben wir schon lange nicht mehr gehabt und der Wind ist seit CI unglaublich konstant. Er kommt stets aus SE mit 2 bis 4 bft. Trotzdem spürt man, daß wir weit von Land entfernt sind. Denn es ist insgesamt spürbar kühler. Die Wassertemperatur liegt bei angenehmen 23° bis 24° Celsius, aber doch spürbar kühler als in der Timor-See. Und in der Nacht brauche ich inzwischen auch meist den Schlafsack. Abgesehen von Cocos-Islands, das inzwischen 350 sm achteraus liegt, sind die indonesischen Inseln vor Sumatra das nächste Land in einer Entfernung von 600 bis 700 Meilen. Und nach Süden ist überhaupt erst die Antarktis das nächste Land – also sollten wir wohl auf den Hauch der Eisberge auch noch aufpassen? Gott, wie haben wir es schwer!


 

Montag, 30.10. – 6. Seetag

Seit „ewigen„ Zeiten haben wir gestern nacht wieder einmal ein Schiff ausgemacht. Ein Frachter mit mehr als 50 m Länge ist Backbord in der Kimm aufgetaucht. Etwa 2,5 Stunden haben wir seinen Kurs beobachtet, bis er dann Steuerbord voraus wieder verschwunden ist. Anhand eines Weg-Zeit-Diagrammes habe ich heute seinen Kurs eruiert: er ist mit größter Wahrscheinlichkeit von West-Australien gekommen und geht nach Sri Lanka oder Indien. Später in der Nacht haben dann Regenwolken unser Boot überquert, nicht sehr groß, aber deutlich und dunkel erkennbar. Nachdem es aber nicht regnerisch wurde, bin ich wieder richtig fest eingeschlafen. Als dann die letzte Wolke wie aus einem Faß den ganzen Regen auf einmal über uns ausgeschüttet hat, sind wir fluchend geflüchtet. Trotz der Flüche war natürlich alles patschnaß.

Der Wind hat schon gestern abend merkbar nachgelassen, darum haben wir auch das Groß geborgen und die Genua ausgebaumt. Wir sind dadurch zwar etwas langsamer, aber viel ruhiger unterwegs, als wenn die Luvgierigkeit des Bootes durch das Groß noch verstärkt wird und außerdem die Windfahne Schwierigkeiten hat, den Kurs zu halten. Trotzdem kommen wir auf ein Etmal von 128 sm. Ich bin schon gespannt, ob wir die 1000 Meilen – Woche schaffen?!

Mittwoch, 1.11. – 8. Seetag: Eine Woche bis zum nächsten Land!

Nehmen wir es vorweg – NEIN, wir haben es gerade nicht geschafft. Mit 991 sm haben wir den 1000er nur denkbar knapp verfehlt, aber trotzdem ein tolles Ergebnis im Logbuch. Das sind satte sechs Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit über eine ganze Woche – und das ist für einen 38 Fuß großen Monohull wirklich ein gutes Ergebnis. Bravo, Serengeti!

Ansonsten tut sich nicht allzu viel: nachdem wir auch vorgestern nacht und gestern nachmittag noch je ein Schiff gesehen haben, würde ich sagen, reicht es wieder einmal. Man fühlt sich ja schon regelrecht beobachtet!

Der Wind aus SE ist recht mäßig. D.h. tagsüber fahren wir mit Blister und des nachts mit ausgebaumter Genua. Wir dürften jetzt unseren landfernsten Punkt erreicht haben: Recht voraus haben wir in ca. 1000 Seemeilen Entfernung unser nächstes Ziel, den Chagos Archipel. In NNW etwa 1200 sm entfernt peilt Sri Lanka und Sumatra mit seinen vorgelagerten Inseln liegt etwa 900 sm in NE. Nur das kleine Cocos ist nur ungefähr 600 sm weit entfernt, und zwar im SE von uns. Von dort kommt allerdings auch das bißchen Wind. Das heißt zusammengefaßt, daß wir mindestens eine Woche vom nächsten Land entfernt sind, abgesehen vom Meeresgrund, der sich aber auch erst in gut 5.000 m senkrecht unter uns auszubreiten beginnt.

Tiere sehen wir in letzter Zeit auch nicht mehr allzu viele. Ab und zu ein paar Möwen, und gestern hat eine Delfinschule unseren Kurs gekreuzt und uns ganz spielerisch überholt. Erst dachten wir, es wären 4 bis 6 Delfine, dann schätzten wir sie auf etwa ein Dutzend, bis wir schließlich realisierten, daß es sich um eine regelrechte Armada handelte: mehr als eine halbe Stunde lang ist ein schier endloser Zug an uns vorbeigezogen, in Summe waren das bestimmt mehr als 100 Tiere, die ungefähr Kurs 300 anliegen hatten und uns in einem spitzen Winkel überholten.

Freitag, 3.11. – 10. Seetag: zu viel Alkohol an Bord!

Meine Überlegungen zum landfernsten Punkt muß der Aeolus da oben wohl mitbekommen haben. Und dabei dürfte er sich gedacht haben, uns hier festzunageln. Jedenfalls hat er die aktuelle Windlieferung wieder einmal kurzfristig für 1,5 Tage eingestellt. Seit heute nacht, knapp nach vier Uhr morgens segeln wir wieder. Diesmal allerdings mit sehr mäßigem Wind aus NNE. Der Blister zieht uns aber brav und unglaublich ruhig dahin. Die Dünung ist inzwischen auch ganz klein geworden, und die Luft, die jetzt wieder vom Äquator kommt, wurde wieder deutlich wärmer. Zusammen-gefaßt heißt das halt wieder einmal ganz einfach: Traumbuch – Segeln , die 17.!

Gestern abend haben wir erstmalig versucht, unsere alkoholischen Vorräte etwas gezielter zu dezimieren. Es kann doch nicht angehen, daß wir nach mehr als einem Monat noch immer an der ersten Whiskyflasche herumnuckeln. Das kommt wohl daher, daß wir die Frage „Willst du einen Sundowner?„ immer zu wörtlich genommen haben. Nach einem recht opulenten mittäglichen Nudel-Krautsalat haben wir halt schon um vier Uhr Bordzeit mit dem Pre-Pre-Sundowner begonnen, der konsequenterweise vom Pre-Sundowner gefolgt wurde. Der Sundowner selbst war dann dem namensgebenden Anlaß noch immer voraus, aber schon recht lustig. Das Gelage wurde dann stilgerecht durch eine Gailtaler Brettljause mit Speck und haus- äh, bordgemachtem Brot, zweierlei Sorten Senf und Kren aus der Tube kurzfristig unterbrochen. Weiter ging es mit den Post-Sundownern und einigen nicht mehr näher bezeichneten Runden. Den krönenden Abschluß bildete der After-Burner. Unter diesen Voraussetzungen finde ich es bemerkenswert, daß wir die nächtlichen Segelmanöver einwandfrei und problemlos gefahren sind. Frühstück war heute aber doch rund eine Stunde später!

Sonntag, 5.11. – 12. Seetag

Nach wie vor haben wir Wind aus NE, nachdem wir gestern wieder einmal nach recht langer Zeit eine kleine Störungsfront gestreift haben. Eine Viertelstunde lang plätscherte süßes Wasser vom Himmel, Serengeti bekam eine kleine Dusche, und schon war es wieder vorbei. Es folgte eine ruhige Nacht mit ausgebaumter Genua. Morgens um fünf nachdem der Mond wieder untergegangen war, hatte ich einen unglaublichen Sternenhimmel über mir: ganz nah und sehr deutlich. Achteraus türmten sich bedrohliche, dunkle Wolken und ich rechnete schon mit Regen und rascher Flucht nach unten. Der Regen kam dann doch nicht, aber schlafen konnte ich dann auch nicht mehr. Schade, daß mein Schatzi nicht hier ist – so eine Nacht sollte man einfach gemeinsam genießen. Und ich hoffe sehr, daß wir das auch noch tun werden!

Heute bin ich in einer ganz komischen Stimmung. Vorgestern und gestern war ich mit der Sonne ein wenig leichtsinnig und seit gestern spüre ich meine Sonnenallergie an Händen, Armen und Hals wieder. Dazu kommen heute leichte Kopfschmerzen. Den Großteil verbringe ich unten in meiner Höhle, wo es natürlich stickig und sehr heiß ist. Für meine Haut ist es jedenfalls besser. Ich bin insgesamt nicht so gut drauf. Es ist der 12. Tag auf See und auch eine leichte Langeweile macht sich bei mir bemerkbar. Die See rundherum kann ich immer noch stundenlang anschauen, ich lese sehr viel und bin inzwischen beim 8. Buch. Das ist aber natürlich nicht alles und das jetzt doch schon „alte Ehepaar„ Toni und Rudi haben sich auch nicht mehr so viel zu erzählen, wie noch vor einem Monat. Aktuelle Neuigkeiten als Diskussionsgrundlage fehlen vollständig. Es wird also Zeit, daß wir nach Chagos kommen und damit etwas Abwechslung in unser Leben. Wir haben heute noch 600 sm, d.h. daß wir in fünf Tagen (= Freitag) da sein sollten.

Montag, 6.11. – 13. Seetag: „Schneechaos auf der Tauernautobahn„

Die letzte Nacht war ganz schön miserabel. In der ersten Nachthälfte ging es noch, da hatten wir wenigstens Wind, dann aber streiften wir eine Gewitterfront. In der Ferne blitzte es gewaltig, wir hatten aber weder Regen noch Wind. Das bedeutet schlagende Genua, obwohl ausgebaumt, und ein fürchterlich geigendes Boot. Habe miserabel bis gar nicht geschlafen. Und zu allem Überdruß habe ich auch noch so intensiv geträumt. Ein Traum ist mir ganz deutlich in Erinnerung geblieben und weil er so paradox zu meiner realen Situation hier mitten im Indik ist, muß ich ihn erzählen:

„Es ist später Abend, und ich bin auf der Tauernautobahn unterwegs nach Hause. Ein totales Schneechaos bricht aus, der Katschbergtunnel muss gesperrt werden. Die Ausfahrt Rennweg ist inzwischen auch schon zu, alles steht auf der Autobahn. Alles, das sind ungefähr 250 Italiener der Ski-Nationalmannschaft und ich. Plötzlich landet ein Hubschrauber, um mitzuteilen, dass auch retour nichts mehr geht, weil Lawinen die Autobahn verschüttet haben. Man arbeitet aber dran. Nur die Italiener sind irrsinnig sauer und vor allem hungrig und müde. Ich rufe inzwischen meinen Freund und Hoteldirektor in Seeboden, Dieter Grall, an. Ich teile ihm mit, dass ich demnächst mit 250 hungrigen Italienern bei ihm eintreffen werde. Er solle schon einmal zum Kochen und Tischdecken anfangen lassen. Weit nach Mitternacht treffen wir dann in Seeboden ein, wo die Zufahrt zum Hotel hell erleuchtet ist und der Direktor mit geschäftsmäßigem Grinsen vor der Tür wartet. Bald darauf sind die Italiener begeistert und stürzen sich über ein tolles Mitternachtsbuffet.„

Heute vormittag nach wie vor kein Wind, daher darf der Gusti wieder einmal Steuerarbeit leisten, während die Batterien geladen werden. 

Mittwoch, 8.11. – 15. Seetag

Vorgestern hat uns der ewig blaue Himmel verlassen. Und seither ist es ständig bewölkt bis stark bewölkt. Der Wind hat mittlerweilen wieder nach SE zurückgedreht und ist nicht sonderlich stark. Hatten wir gestern noch 4 bis 5 bft, sind es heute nur mehr 2 bis 3. Dafür haben wir wieder eine besonders hohe Dünung, manche Wellen mit bestimmt mehr als 5 m. Sie sind aber nie angsteinflößend, sondern immer lang und weich. Trotz oder vielleicht wegen des bewölkten Himmels habe ich vorgestern einen leichten Sonnenstich abge-fangen. Kopfweh und Müdigkeit sind die Folge, ebenso totale Lustlosigkeit. Manöver gibt es sowieso kaum, ich habe aber auch weder zum Plaudern noch Diskutieren Lust, sondern hänge eher wie eine halbtote Fliege herum. Und das wiederum tut natürlich auch dem Bordklima nicht gut. Es gibt noch keine Verstimmung, aber auch keine positiven Gespräche. Zeit, dass wir nach Chagos kommen und damit Abwechslung in unser monotones Dasein.

Freitag, 10.11. – 17. Seetag

Für einen Skipper gibt es wahrscheinlich kaum Schlimmeres, als wenn seine Segel in Flaute und Dünung malträtiert werden. Dieses ständige Schlagen geht dir gewaltig auf den Nerv. So auch wieder einmal gestern, als selbst der Blister nur mehr von einer Seite auf die andere knallte, und wir nur mehr darauf warteten, dass er zerreißt. Hat er dann doch nicht getan und wir sind erstmalig unter Blister weit in die Nacht hineingefahren. Als das Wetter dann doch etwas kritischer wurde, bargen wir den Blister nächtens. Und dabei passiert Toni selbst ein Mißgeschick: beim Einholen des Spi-Falles reißt er mit dem Schäkel ein kleines Loch in die Genua. Und das ist etwas, was einen Skipper noch mehr ärgern kann als schlagende Segel: nämlich ein kaputtes Segel durch Eigenfehler. Jedenfalls haben wir anschließend Groß und Genua gesetzt, weil der Wind inzwischen recht vorlich einfällt. Und dabei hat der Skipper seinen Frust dann an mir ausgelassen. Da hat er mich aber am falschen Fuß erwischt, und ich habe ihm meine Meinung zu seiner unqualifizierten Meldung äußerst deutlich gesagt. So, und jetzt haben wir erstmalige und ernste Missstimmung an Bord.

Von bedrohlichen Regenwolken bis strahlendem Sternenhimmel erleben wir diese Nacht wieder alles und das in oft atemberaubend schnellem Wechsel. Nur vorwärts Richtung Chagos geht leider wenig.

Heute morgen hat sich Toni dann gleich schweigend mit der Reparatur der Genua beschäftigt. Der Wind wollte wieder einmal variabel sein, eine Zeitlang konnten wir blistern, dann mussten wir ihn wieder bergen und Groß und Genua setzen. Die Segel stehen knapp eine Viertelstunde, da rollt eine schwarze Gewitterfront heran. Toni meint, 3. Reff und Genua halb sind jetzt angebracht, was mir etwas übertrieben vorkommt. Das dritte Reff ist gerade einmal eingebunden, da orgelt es aber auch schon, dass ich meine Gedanken sofort entschuldigend zurücknehme. Unseren Kurs 320 können wir auch nicht mehr halten und laufen bei 8 bis 9 bft. auf 230 ab. Nach zwei Stunden ist der Großteil vorbei und wir können wieder 270/280 anlegen und schon etwas später kann auch wieder Vasco die Arbeit übernehmen. Richtig aufgeweicht und abgekühlt gehe ich mich umziehen. Inzwischen ist der Wind schon wieder fast null. Aber so geht es eben in Äquatornähe: Flauten und tropische Gewitter wechseln sich rasend schnell ab, und da kann man nicht genug aufpassen. Recht miserabel ist auch unser heutiges Etmal mit 86 sm. Noch etwas mehr als 100 sm bis Chagos. Wir hoffen, morgen mittag – rechtzeitig zum Faschingsbeginn (hahaha!) - auf unseren Landfall im Paradies.

Montag, 13.11. – 20. Seetag: Endlich im Salomon-Atoll von Chagos!

Im Paradies! Es ist inzwischen kurz vor Sonnenuntergang und wir liegen ruhig in einer kühlenden Abendbrise gut 100 m vor Ile Fouquet im Salomon-Atoll des Chagos Archipels. Die ersten beiden Begrüßungsdrinks waren etwas heftig, sodass wir erst einmal eine Stunde abwettern mussten. Aber was soll’s und wen wundert’s, nach den harten Tagen und Nächten seit Donnerstag. Die letzten 100 Meilen bis Chagos haben es in sich gehabt und wirklich keine Meile war geschenkt. Um jede einzelne mussten wir mit den Göttern raufen und kämpfen. Die Kurslinie im Anhang mit einer Auswahl der wichtigsten Daten spricht für sich.

„Das Ziel ist dort, wo der Wind herkommt!„ Diesen weisen Seglerspruch haben wir eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Und Wasser, so viel Süßwasser, haben wir seit Darwin nicht mehr gesehen. Bisher hat uns eher selten, aber doch in Abständen eine einzelne Regenwolke aufgeschreckt, zum Duschen oder gar Wäsche waschen hat es fast nie gereicht. Die erste große Regenfront vor drei (oder vier?) Tagen haben wir dann noch mit Duschen und Haare waschen im Cockpit gefeiert. Das erste Mal mit Süßwasser richtig planschen (wie seinerzeit in den Pools des Lichfield-Nationalparks – wie lange ist das nur her?), da kennst du dich auf einmal selbst nicht mehr. Genau so muss neu geboren sein: die Haut ist total schrumpelig, die Finger- und Zehennägel sind weiß, sauber und ganz weich und die Haare aus Samt – ein Bub zum Verlieben halt! Und bei uns an Bord gibt’s gleich zwei solche Buben zum Verlieben!

Unsere Meinungsverschiedenheit habe ich natürlich inzwischen auch ausgeräumt, indem ich das Gespräch mit Toni aktiv gesucht habe. Und siehe da, nach einer kurzen Über-windungsphase meinerseits war das Problem dann rasch besprochen, analysiert und damit auch erledigt.

In der Folge hat aber eine Regenfront die andere gejagt, immer mit mehr oder weniger viel drehendem Wind. Jedenfalls sind wir mehr als einmal nach dem Frontdurchzug wieder nach Osten zurückgefahren. Bis das Boot dann wieder am richtigen Bug in die richtige Richtung und in richtige Fahrt gebracht war, war meist schon wieder die nächste Wasserschlacht fällig, usw. usw.! Tag und Nacht! Und gemeinerweise hast du immer das Paradies, sprich Chagos, nach 2000 Meilen Überfahrt und fast drei Wochen auf See, schon fast vor Augen.

Wie gesagt, geschenkt wurde uns nichts. Jetzt aber liegen wir halbwegs ruhig und sicher und fast allein im Salomon-Atoll. Während der Einfahrt und Überquerung der Lagune war ich am Steuer und Toni auf der ersten Saling, um die Korallenköpfe rechtzeitig zu sichten. Und dabei konnte Toni ein zweites Segelboot in der anderen Ecke der Lagune entdecken. Aber sonst gibt es weit und breit niemanden. Mittlerweilen liegen wir auf 20 m Wassertiefe vor Anker, haben die viele feuchte Wäsche schon zum Trocknen rausgehängt und freuen uns auf die Spaghetti Carbonara (mit viel Schinken aufgebessert), die wir heute noch mit dem einen oder anderen Sundowner genießen werden. Darum wird es Zeit, meinen ersten paradiesischen Bericht zu beenden, weil ich Smutje vom Tag bin. Weitere Berichte von unseren Land- und Unterwasserexpeditionen sind geplant und folgen in den nächsten Tagen.

Der Chagos – Archipel

gehörte einst zu den französischen Überseekolonien und ging dann an die Briten über, die das unbewohnte Gebiet noch heute verwalten. Chagos besteht aus drei größeren Atollen und einigen Riffen. Das südlichste Atoll ist Diego Garcia, strengstes militärisches Sperrgebiet und an die Amerikaner verpachtet. Von hier wurden übrigens die meisten Angriffe im Irakkrieg ‚Desert storm‘ 90/91 geflogen. Diego Garcia liegt gut 70 sm südlich von Salomon. Westlich von uns gibt es noch ein größeres Atoll, Peros Banhos, das im letzten Jahrhundert auch einmal für kurze Zeit von Mauritius aus besiedelt wurde. Wir, die Serengeti und Besatzung, liegen im Salomon-Atoll, dem kleinsten Ring-Atoll, das aus drei längeren und fünf ganz kleinen Inselchen besteht. Erreichbar ist Salomon ausschließlich durch den NW-Paß, der etwa 150 m breit ist und 6 bis 7 m Wassertiefe garantiert.

Die Lagune selbst ist bis zu 30 m tief und voll mit Korallenblöcken, die knapp unter die Wasseroberfläche heraufkommen, in keiner Karte genau verzeichnet und daher besonders gefährlich sind. Grundsätzlich ist der gesamte Archipel militärisches Sperrgebiet, daher, und natürlich aufgrund seiner recht einsamen Lage mitten im Indik, gibt es hier auch keinen Tourismus. Außer den Yachties, die überwiegend auf dem Weg um das Kap der Guten Hoffnung hier noch einmal ausgiebig Station machen, wenn es nicht schon zu spät in der Saison ist. Die Yachties werden ohne weitere Formalitäten geduldet; sie dürfen nicht länger als einen Monat bleiben, und werden von den Amerikanern auch mit üppigen Barbecues verwöhnt, die so im 2-Wochen-Rhythmus im Salomon-Atoll stattfinden. Dafür aber kassieren die Amis dann auch gleich eine Gebühr. Dennoch dürften diese Grillfeste etwas Besonderes an sich haben, da sie sowohl im Pilot des Indian Ocean als auch in so manchem Buch von Weltumseglern Erwähnung finden. Trotz der scheinbar so wenigen Besucher - wir schätzen, daß jährlich maximal 100 Boote hier vorbeikommen, haben auch die Yachties unliebsame Spuren hinterlassen: Plastikflaschen und sonstiger Zivilisationsmüll findet sich gar nicht so selten im Unterholz der Palmen. Schade und Schande!

Dienstag, 14.11. – 1. Lagunentag: Eroberung der Ile Fouquet

Ruhig und lange durchgeschlafen, und doch fühle ich mich noch müde. Die Anstrengung der letzten Tage steckt mir noch ganz schön in den Knochen. Der Blick auf unser Atoll entschädigt aber für alles. Wir sind allein und die wechselnden Farben des Strandes und der Palmen im Wind lassen das Auge nicht zur Ruhe kommen. Und trotz Paradies heißt es zuerst einmal arbeiten: das Großsegel, das uns am Sonntag morgen zerrissen ist, wird gegen das Reservegroß gewechselt. Das aber will erst hervorgekramt sein. Denn es befindet sich in der Bb-Kabine unter allen Bierkartons und sonstigen Alkoholika. Und weil wir nicht mehr versoffen haben, müssen wir eine Menge Kartons in diesem schweiß-treibenden Treibhaus umstapeln. Dabei kommen wir auch an die Batterien gut heran, kontrollieren gleich einmal das Batteriewasser und fetten die Pole. Dann alles wieder hineinräumen, Groß anschlagen und Latten tauschen, was sich als recht umständlich herausstellt. Zu allerletzt stellt Toni fest, dass ihm ein wichtiger Schraubenschlüssel fehlt. Allen Ernstes bedeutet das, noch einmal fast alle Kartons heraus, weil sich der Schlüssel im Batteriekasten versteckt hat. So, damit aber genug der Schwitzerei für den ersten Ruhetag und fertig gemacht zum ersten Landgang.

Mit dem Dingi an den Strand, und dann den Fuß wie weiland die Eroberer an Land gesetzt. Ein Gefühl, das man erst schätzt, wenn man eben drei Wochen auf See gewesen ist. Der erste Moment ist irgendwie fremd, komisch und doch erhaben. Rundherum ist dichter Palmenwald mit ein paar Birkenfeigen dazwischen, weißer Korallensand und Farben und Lichtspiele, wie man sie eben nur in einer Lagune erleben kann. Wir kommen nicht sehr weit bei unserer ersten Expedition. Rund 50 m von unserem Landeplatz entfernt eröffnen wir gleich einmal „King Salomon’s Beach Pub„. Die Theke wird von einer ganz schiefen Palme gebildet, Bier und Whisky haben wir vorsorglich schon mitgebracht, nicht nur für den Eigenverbrauch, sondern auch als Gastgeschenk für (mögliche) Einheimische. Weil uns aber niemand begrüßt, saufen wir unseren Whisky eben selbst und schießen jede Menge kitschiger Fotos mit der kitschigen, schiefen Palme als Hauptdarsteller. Zur Feier des Tages gibt es auf allgemeinen Wunsch am Abend Rudi’s schon berühmte Palatschinken. Diesmal vorsichtshalber gleich aus 1 l Milch, 6 Eiern und ¾ kg Mehl – das Ergebnis sind 22 Palatschinken vom Feinsten! Und weil es Spaß macht, experimentieren wir ein bisschen mit Rum-Rosinen als Einlage und dann wieder mitgebacken. Die Versuche mit Gin und Orangensaft sind weniger erfolgreich. Wie es am besten funktioniert, weiß ich jetzt, wird aber nicht verraten. Vielleicht kann ich es auch gar nicht mehr, denn schon recht bald waren wir sternhagelvoll und das sogar vom Essen. 

Mittwoch, 15.11. – 2. Lagunentag

Heute früh wieder müde aufgewacht, aber gleich in die Robot: Bilge aufräumen, Kühlschrank sauber machen, Cockpit schrubben. Dann aber geht es bald wieder an Land: Korallen und Muscheln will ich heute sammeln, weil ich ja den Kindern eine Auswahl mitbringen will. Bei den Muscheln allerdings muss ich passen; sie sind alle bewohnt von Einsiedlerkrebsen und töten will ich sie deswegen nicht. Mittags gibt es den Rest der gestrigen Palatschinken in Form von Fritattensuppe. Sehr schmackhaft und auch sehr ausreichend, doch überbleiben tut von den ursprünglich 22 Palatschinken auch nichts mehr. Am Nachmittag wird das Wetter schon wieder schlecht, sodass wir gar nicht mehr an Land gehen. Und während der Nacht überqueren wieder Regenfronten ohne Ende unser Gebiet, immer auch von ziemlich viel Wind begleitet. Unser Paradies ist jetzt ganz schön ungemütlich geworden, weil eine steile, kurze See hereinsteht und wir natürlich auf Legerwall liegen. 

Donnerstag, 16.11. 3. Lagunentag: Vertreibung aus dem Paradies

Eine Front jagt die andere – es ist ganz schön trostlos. Land- oder gar Unterwasserausflüge sind zu vergessen. Während der Nacht sind wir offensichtlich dem Strand ein schönes Stück näher gekommen. Der Anker hält zwar nach wie vor, die Kette hat sich aber aufgrund des anhaltenden Drucks gestreckt. Wir liegen richtig schön auf Legerwall. Ein Verholen im Atoll selbst kommt wegen der schlechten Sicht und der zahlreichen Korallenköpfe nicht in Frage. So beschließt Toni, dass wir bei der nächsten Aufhellung Anker lichten und schauen, dass wir so rasch als möglich von hier rauskommen.

Das Ankerauf-Manöver selbst dauert schon fast zwei Stunden. Irgendetwas kommt einfach nicht klar. Ich bin am Steuer und Toni rauft mit dem Eisen. Inzwischen hat er schon seine Taucherausrüstung ausgepackt und will auf 20 m abtauchen, um den Anker zu klarieren. Einen Versuch fahren wir dann noch, und siehe da, wir können den Anker ausbrechen und hochbringen. Kaum sind wir frei, nehme ich Kurs auf den Pass, der ungefähr zwei Meilen entfernt ist. Genau im gleichen Moment überfällt uns auch die wohl bisher schwerste Regenfront – es orgelt wirklich bereits orkanartig in der Lagune, die Sicht beträgt keine 50 m mehr, der Strand hinter uns nicht mehr zu sehen. Ich kann nur mehr mit Kompass und Gefühl steuern. Mit etwa ¾ Kraft voraus ziemlich genau gegen den Wind. Toni steht im Bugkorb und versucht, die Korallenköpfe rechtzeitig zu sehen und gibt den Kurs an. Als die Front drüber ist, sehen wir, dass wir uns kaum einen Meter bewegt haben; wir sind fast genau am gleichen Fleck wie vorher. Jetzt aber geht es los zum Pass, damit wir endlich Seeraum gewinnen, bevor die nächste Front einfällt. Unser Paradies zeigt die Krallen!

Rund eine Stunde lang kämpfen wir uns gegen Wind und Welle an den Pass heran – Toni unverzagt vorne im Ausguck und ich ebenso unverzagt am Steuer. Der Pass selbst – der einzige Ein- und Ausgang – ist etwa 150 m breit und ist ca. 7 m tief und rechts und links von tödlichen Riffs begrenzt. Genau da müssen wir durch, schlechte Sicht, verdammt viel Wind und riesige Wellen haben wir gegen uns stehen. Die Welle im Pass selbst ist wirklich sehr hoch, weil der Meeresboden hier innerhalb kürzester Distanz von einigen tausend Metern bis auf wenige Meter heraufkommt. Es folgt eine extrem angespannte, aber doch furchtlose halbe Stunde. Die Farbe des Wassers ist im Pass ein wunderschönes türkisgrün, rechts und links sind die weißen Brecher an den Riffen deutlich (und verdammt nahe) auszumachen. Jetzt gibt es nur mehr Vollgas, denn hier darf nichts passieren, ein Querschlagen wäre hier endgültig. Eine halbe Stunde später sind wir durch, das Wasser ist satt dunkelblau und damit wieder tief genug, die Brecher an den Riffen deutlich achteraus. Es ist 15.30 Uhr.

Wir setzen die halbe Genua und kommen auf NE-Kurs rasch frei von unserem Paradies, das uns einfach nicht wollte. Aufgrund unserer überstürzten Abreise sind auch alle unsere Schätze zurückgeblieben. Die Bar im improvisierten Beach-Pub an der Palme ist mit einer praktisch vollen Flasche Whisky und einem sixpack Bier ganz gut gefüllt. Auch eine ganze Packung Keks muss noch da sein und die Hängematte, die wir nicht ein einziges Mal nutzen konnten. Schließlich noch die Mitbringsel: eine Auswahl von verschiedenen Korallen. Irgendwer wird sich bestimmt einmal wundern, hoffentlich aber freuen und dann auch genießen. Mit Einbruch der Dunkelheit haben wir uns auch vom gefährlichen Blenheim Reef freigesegelt und können nun Kurs Malediven anlegen. Die Nacht wird noch recht unruhig, wir gehen natürlich Wache im 3-Stunden-Rhythmus. Am Morgen sind wir dann gut 60 sm von Chagos entfernt.

Freitag, 17.11. – 1. Seetag

Nach Norden zu wird es immer heller, hinter uns stehen nach wie vor bedrohliche, schwarze Gewitterfronten. Inzwischen machen wir am Wind guten speed genau nach Nord. Schön langsam trocknen die nassen Fetzen wieder auf und die Laune wird auch gleich um einiges besser. Obwohl ich sagen muss, trotz aller Härten und Gefahren, die wir da durchgemacht haben, hat es bestimmt nie Ängstlichkeit oder Verzagen gegeben, wohl aber höchste Konzentration. In aller Bescheidenheit bin ich der Meinung, dass sich Toni als souveräner Skipper und ich als verlässliche Crew herausgestellt habe. Unser Etmal mit 103 sm ist in Ordnung, bis Malé haben wir noch 480 sm und den Äquator. Ich prognostiziere unsere Ankunft für Freitag, den 24., Toni sieht uns erst am Sonntag, den 26. Anker werfen.


Samstag, 18.11. – 2. Seetag: 8 kg Thunfisch am Haken

Sieben Uhr morgens, die Sonne scheint und eine leichte Brise von 3 bft. aus NW zieht uns mit wunderbar ruhigen Bootsbewegungen auf Kurs 020/030 Richtung Malediven. Ich mache erst einmal Kaffee und schaue Toni bei der Körperpflege zu, später komme ich auch noch dran. Es ist ein unwahrscheinlicher Genuss, den Körper wieder einmal unter Sonnenstrahlen zu spüren. Zähne putzen, duschen und eincremen werden so zu richtig lustvollen Tätigkeiten. Fast auch ein wenig schade um den etwas strengen Geruch, den ich da jetzt abwasche und an den ich mich schon recht gewöhnt habe.

Letzte Nacht habe ich nach mehr als einer Woche wieder im Cockpit geschlafen, zumindest bis in die letzten Nachtstunden, als mich dann doch noch ein Regenguss vertreibt. Jetzt ist wieder alles trocken, sonnig, ruhig und friedlich. Nach Norden zu wird es immer heller, über uns ist es leicht bewölkt und in unserem Kielwasser – sprich Chagos – stehen immer noch zahlreiche riesige Gewittertürme. Es scheint so, als würden sich alle Türme aus Ost und West genau über Chagos anstellen, weil dort das vorderindische Zentrum für Gewitterentladungen zu sein scheint.

Gestern abend gab es Frankfurter mit Kartoffelsalat. Die Dosen-Frankfurter aus Australien sind alles andere als empfehlenswert, umso besser dafür der hausgemachte Erd-äpfelsalat, halt ein bißchen zu viel. Die Frage, was wir heute mittag dann zum Salat essen, beantwortet ein Gold-Thuna: 85 cm lang, 50 cm dick und rund 8 kg schwer. Die nächsten wohlschmeckenden Mahlzeiten sind gesichert!

Das kleine Intermezzo mit der Sonne ist am späteren Nachmittag schon wieder vorbei. Einige Regenfronten überfallen uns in kurzen Abständen, bis sie beschließen, gemeinsam für ein richtiges Sauwetter zu sorgen. 6 bft. aus NW lassen uns wenigstens recht gut vorankommen.

Sonntag, 19.11. – 3. Seetag: Sturm am Äquator

Ein typischer Sonntag auf See – nix wie Arbeit halt! 7 Gläser mit Thuna werden eingekocht und das Wetter passt auch: eine einzige graue Suppe und Starkwind mit 6 – 7 bft. treiben uns unaufhaltsam auf den Äquator zu. Und auch das Ziel Malé, die Hauptstadt der Malediven, ist nicht mehr fern. Sollten wir vielleicht ganz ohne Flaute durch die berüchtigten Mallungen kommen? Ich will es nicht verschreien, aber wünschen wird man sich ja noch was dürfen, oder? Der Wind hat mit 8 – 9 bft. inzwischen Sturmstärke erreicht; riesige Wellenberge decken unser Cockpit immer wieder mit Gischt ein, auch wenn es gerade einmal nicht regnet, kann man sich draußen nicht auf Dauer aufhalten. Und mit jedem Mal rausgehen, bringt man automatisch wieder neue Nässe ins Boot. Diese Feuchtigkeit ist es, die das Leben so ungemütlich macht. Auch die Nacht wird genauso unruhig. Wache gehen ist schon beinahe besser als in den feuchten Sachen dahindösen.

Um 18.15 Uhr Ortszeit überqueren wir den Äquator. Um 18.30 Uhr ist mir vom Kochen kotzübel. Toni verspeist mit wenig Genuss meine wohl misslungene Kreation Nudeln mit gerösteten Zwiebeln und Thuna. Zugegeben, ich habe schon besser gekocht; aber mir ist so und so schlecht!

Montag, 20.11. – 4. Seetag: Äquatortaufe intensiv!

Der Wind hat etwas nachgelassen und kommt mit 5 – 6 bft. aus WNW. Zeitweise können wir ganz gut Kurs Nord anlegen.

Heute also wird meine Äquatortaufe nachgeholt und vollzogen. Ich kann zwar nicht viel davon sehen, weil mir von den ausführenden Göttern die meiste Zeit die Augen verbunden sind. Was ich schmecken und riechen muss, ist alles voller unterschiedlicher Alkoholika. Jedenfalls ist der Bub nach etwas mehr als einer Stunde und zahlreichen anstrengenden Aufgaben getauft und ganz schön besoffen. Ich bin nun ehrwürdiges Mitglied der Äquatorianer und heiße ab sofort

(R)   asmus, der nordische Gott des Windes

(U)   nikatus, weil ich halt einzigartig bin

(D)   arwin, wo meine erste Langfahrt begann

(I)         ndi, für den Indischen Ozean, den ich zu einem großen Teil überqueren durfte.

Ansonsten nichts Neues: mit Starkwind gehen wir auch in die nächste Nacht. Wir befinden uns auf einem Kurs 030 bis 050, etwa 200 sm östlich der Malediven. Und so treffen wir heute nacht wieder einmal auf die größere Fischerflotte, die sich östlich von uns in Nord-Süd-Ausrichtung aufgefädelt hat: rund 8 Schiffe, und alle in gleichbleibendem Abstand zueinander.

Dienstag, 21.11. – 5. Seetag

Blauer Himmel, Sonne, keine Regenwolken mehr und 3 – 4 bft. NW zum Aufwachen, da kommen auch die eigenen Lebensgeister rasch wieder auf Trab. Alle nassen Fetzen raus zum trocknen, Groß setzen und um halb neun Ortszeit ist die ganze Crew schon fix und fertig zum ausgiebigen Sonnenbaden im Cockpit. Bräuchte nur noch der Wind auf NE drehen, wir würden Malé in zwei Tagen überrennen. So aber spielt’s es auch wieder nicht, und drum machen wir weiter Kurs Nord mit eher östlicher Komponente. Das wirkt sich beim Etmal gleich einmal mit 115 sm aus, auf Malé haben wir seit gestern aber nur heiße 6 sm gutgemacht. Macht aber auch nichts, dann werden wir halt voraussichtlich morgen über Stag gehen und auf Backbordbug dann Meilen machen (ist das dann der Holebug, oder was?)

Mittwoch, 22.11. – 6. Seetag

Wieder einmal nach 14 Tagen eine Nacht in der frischen Luft des Cockpits geschlafen. Eine Regenbö hat uns auch diesmal kurz verscheucht, wir aber sind eigensinnig und zurückgekehrt. Du merkst schon den Unterschied, weil du viel besser ausgeschlafen bist und der Körper wesentlich entspannter. Frühstück schmeckt auch gleich besser und allgemein geht es uns wieder recht gut. Wir haben zwar noch immer satte 240 sm bis Malé, inzwischen mit 300/310 einen ganz brauchbaren Kurs anliegen. Der Himmel ist wieder blau und passatige Monsunwolken umgeben uns - oder sind es monsunige Passatwolken? Mit 3 bft. geht es gemütlich voran. Toni ärgert sich beim Dingi reparieren und ich darf heute schon überhaupt nichts in die Hand nehmen, da ist es auch schon schiefgegangen. Wenn nur Wind und Welle nicht schlechter werden, dann paßt es schon halbwegs. Unser Etmal bringt uns bis auf 200 sm an das Ziel heran und der Kurs ist auch nicht so schlecht.

Ich freue mich schon irrsinnig auf den Landfall: auf den Kontakt mit daheim, nach einem Monat wieder einmal eine andere Stimme hören, ein kaltes Bier und ein Steak, Leute sehen und die Geräusche und Gerüche einer Stadt. Alles eben, was wir einen Monat lang nicht bewußt vermißt, aber eben auch nicht gehabt haben. Das alles gewinnt jetzt enorm an Bedeutung. So schön und erlebnisreich die letzten acht Wochen für mich auch waren, jetzt überwiegt ganz einfach die Freude auf zuhause, meine Gerti, die vielen Kinder und alles, was eben so dazugehört.

Donnerstag, 23.11. – 7. Seetag

Der Tag beginnt recht schön und läßt dann im Lauf des Nachmittags ebenso schön nach. Tagsüber können wir immer wieder einmal für kurze Zeit Kurs Malé 240/250 anlegen. Aber eben immer nur kurz und fast. Ansonsten sind Kurse um 310 oder 180 angesagt. Also eher frustrierend und vor allem nicht zielführend. Am späten Nachmittag ziehen dann schwere Regenwolken auf, die wir aber mit zwei (fast schon genialen) Kursänderungen (sprich: Wenden zur richtigen Zeit) austricksen. Erst nach dem recht gemütlichen Abend-essen müssen wir noch eine dicke, fette Wolke über uns abregnen lassen. Ihr entkommen wir nicht mehr; dann aber sind wir durch und fahren wieder beinahe Kurs auf Malé, zumindest bis der Wind total einschläft. 

Freitag, 24.11. – 8. Seetag: Flaute vor Malé

Der Wind schläft – totale Flaute. Also fahren wir wieder einmal mit Gusti, dem Eisernen, mit und laden auch die Batterien wieder auf. Heute morgen sind es schon weniger als 100 sm bis Malé. Bis morgen Samstag sollten wir also in jedem Fall einlaufen können. Aber diese Situation kennen wir doch schon, oder?

Heute ist es genau ein Monat her, seit wir in CI ankerauf gegangen sind und heute in einem Monat ist Weihnachten. Beide Daten kommen mir irgendwie gar nicht realistisch vor. Das gehört übrigens mit zum Beeindruckendsten auf See, wie sich nämlich jedes Zeitgefühl und –empfinden in kurzer Zeit total verändert. Wie schnell habe ich mich daran gewöhnt, 24 Stunden rund um die Uhr und wochenlang auf See zu sein. Mein ganzes Leben (= Tagesablauf) hat sich radikal und doch irgendwie leicht und natürlich verändert. Die Natur hat sowieso einen völlig neuen Stellenwert gewonnen und dazu zählen auch so natürliche Abläufe wie Tag und Nacht, Sonne, Mond und Sterne und Wind und Welle. Und schon nach so kurzer Zeit, wie es meine acht Wochen Segeln ja immer noch sind, er-scheinen mir Zeiträume, Daten und Termine plötzlich so unwirklich.

Gestern abend habe ich nach sehr langer Zeit wieder einmal Nachrichten auf Deutscher Welle gehört. Radio Österreich International haben wir praktisch nie empfangen können, und wenn dann nur so kurz und bruchstückhaft, daß wir es rasch wieder aufgegeben haben. Ab und zu aber tun News aus der großen, weiten Welt aber ganz gut. Und ich bin sowieso ein Mensch, der nach Nachrichten süchtig ist. Aber was gibt es denn schon Neues und Wichtiges in der Welt? Viel völlig belangloses Zeug, das nicht einmal wert ist, im Logbuch erwähnt zu werden und zwei Nachrichten, die mir selbst hier an Bord, also weit weg vom Geschehen, noch den sprichwörtlichen Feitl im Sack aufgehen lassen:

Nachricht Nummer 1: Die deutsche Bischofskonferenz beschließt, eine große Werbeaktion durchzuführen, um gegen die ungerechtfertigte Benachteiligung der katholischen Schwangerenberatungsstellen durch Vater Staat zu protestieren und zu informieren. Vorgeschichte: Es geht um die Tatsache, dass in den katholischen Beratungsstellen für Schwangere der Schwangerschaftsabbruch auch nicht informell vorkommt, weil nicht sein kann, was in der Kirche nicht sein darf. Weil diese unvollständige Information wiederum nicht im Interesse der Betroffenen ist, wurden bestimmte Förderungsbeiträge der öffentlichen Hand gestrichen (natürlich von der „kirchenfeindlichen„ rot-grünen Koalition Schröder). Und dagegen müssen die katholischen Bischöfe natürlich anrennen und protestieren. Mit wiederum öffentlichen Mitteln (sprich: Kirchenbeiträge) geht man in die teure Werbe-offensive, um öffentliche Mittel (sprich: Steuerbeiträge) zu erkämpfen.

Nachricht Nummer 2: Amerika hat einen neuen Präsidenten gewählt. Bei der Stimmenauszählung geht es scheinbar nicht ganz korrekt zu. Wer also gewonnen hat, oder wer in der Stimmenauszählung vorne liegt, war aus der Nachricht nicht herauszuhören. Zur Info: die Wahl war am 6.11., vor mehr als zwei Wochen also! Jedenfalls stellen die Behörden in Florida, wo der Bruder des einen Kandidaten George Bush, nämlich Jeb Bush, Gouverneur ist, die nochmalige Auszählung eines fragwürdigen Stimmenpaketes ein. Begründung: unter dem vom Gericht bestimmten Zeitdruck ist die nochmalige Zählung nicht möglich! Damit wiederum läuft der offensichtlich benachteiligte Gegenkandidat Al Gore vor Gericht, um die weitere Auszählung zu erzwingen. Er holt sich eine Abfuhr, es wird nicht weiter gezählt. Zum heutigen Zeitpunkt sind aber nach wie vor Rechtsmittel und juristische Spitzfindigkeiten möglich. Daß mit diesen Tricksereien und dem von beiden Seiten mehr als lächerlichen Verhalten um das Amt des amerikanischen Präsidenten gekämpft wird, gerät schon beinahe in Vergessenheit. Der Respekt vor der Person oder dem Amt des „mächtigsten Mannes der Welt„ geht komplett verloren.

Die Flaute verstärkt sich. Ölig glatt ist der Ozean am Abend. Bis Sonnenuntergang fahren wir unter Motor und Stützsegel. Dann heißt es Motor aus und Segel bergen. Nachdem auch kaum eine Dünung zu verspüren ist, verbringen wir eine außergewöhnlich ruhige Nacht. Eine Nacht, in der wir schließlich rund 1,5 sm Drift pro Stunde verzeichnen können, ausnahmsweise einmal in unserer Richtung – Kurs 225.

Samstag, 25.11. – 9. Seetag: Land in Sicht – Malé!

Und so liegen wir morgens um sechs Uhr nur mehr gut 20 sm östlich von Malé. Noch einen Morgenkaffee in Ruhe, danach wird der Motor gestartet. Aufräumen ist auch angesagt, weil ja Zoll und Quarantäne an Bord kommen werden. Als erstes werden die alkoholischen Vorräte versteckt, weil wir ja in ein streng muslimisches Land einreisen und nichts Genaues über das Verhalten der dortigen Behörden bekannt ist. Und Vorsicht ist immer noch die Mutter der Schnapskiste, oder? Rasch haben wir Wegstauen, Verstecken und Aufräumen erledigt, weil wir ja sowieso immer ordentlich gelebt haben. Als nächstes folgt Duschen und Haare waschen, frische Wäsche vorbereiten. Übrigens habe ich noch immer 7 frische T-Shirts (wie soll ich das bloß der Gerti glaubhaft erklären?) Und dann ist es soweit. Um acht Uhr morgens steigen der Flughafen von Malé und bald darauf auch Malé selbst aus der Kimm herauf. Land in Sicht!!!

Komisch, und gerade in diesem doch sehr emotionellen Augenblick fällt mir ein Phänomen plötzlich bewußt auf: es gibt hier keine Vögel; weder Möwen noch Seeschwalben haben wir seit Chagos gesehen! Was ist da bloß los? Ich finde nicht einmal andeutungsweise eine Erklärung. Über den ganzen Indik, hunderte Meilen vom nächsten Land entfernt, haben wir immer Seevögel beobachtet. Und hier sind sie plötzlich vollständig weg?

Nun aber ist meine Aufmerksamkeit von der Annäherung an die Malediven gefangen genommen. Der Flughafen von Malé, Hulule, ist gleich auf der Nachbarinsel und ziemlich genau in Nord-Süd-Richtung gebaut worden. Die Start- und Landebahnen sind sicher künstlich verbreitert und verlängert worden, denn so lange Gerade gibt es hier auf den Riffen natürlich nicht. Wir kommen jedenfalls ziemlich genau aus Osten und damit in einem Winkel von 90° auf den Flughafen zu. Jetzt sind wir noch etwa 8 bis 9 Meilen entfernt, als gerade ein Flieger von Süden kommend zur Landung ansetzt. Von der Flughafeninsel ist außer dem Tower noch nichts zu sehen, weil auch diese Insel wie alle anderen in den Malediven nicht höher als zwei bis drei Meter ist. Das große Passagierflugzeug landet nun scheinbar auf der Kimm, nein, es sinkt jetzt sogar dahinter. Nur das Heckruder schaut noch drüber hinaus und rollt nun sozusagen ein Stück über die Kimm. Ein ganz kurioses Schauspiel, das sich da vor unseren Augen abspielt.

Knapp nach 10.00 Uhr Ortszeit passieren wir die Hafeneinfahrt und sind erst einmal total erschlagen von dem riesigen Verkehr. Kreuz und quer fegen die unterschiedlichsten Boote und Schiffe, alle sind aber scheinbar immer mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs. Geprägt wird das Bild von den zahlreichen Dhonis, das sind kleine Holzschiffe, meist mit einem Dach, die mit ca. 30 bis 50 Passagieren den Fracht- und Passagierverkehr zwischen den 1200 Inseln und Atollen abwickeln. Und mitten drin in dieser maledivischen rush hour suchen die beiden fast schon ängstlichen Österreicher mit ihrer „langsamen„ Serengeti den new harbour am NW-Zipfel der Hauptstadt.

Laut unserem Agenten „Fifo„ und der Polizei, mit denen wir bereits über Funk Kontakt hatten, können wir im new harbour vor Anker gehen. Der Hafen ist nicht wie angekündigt am NW-Eck, sondern schon eher am SW-Zipfel. Aber was soll’s, die Einfahrt ist relativ schmal und doch schießen pausenlos Motorboote, Müllfrachter und Dhonis aus und ein. Meist zwei parallel heraus und zwei parallel hinein, es herrscht ganz offensichtlich das Recht des Stärkeren und Schnelleren. Auch hier das gleiche Bild: jeder ist immer mit Vollgas unterwegs, Rücksicht scheint unbekannt zu sein. Toni steht am Ruder und pirscht sich durch die kabbelige See der vielen Schiffe langsam an die Einfahrt heran. Kurz vor der Engstelle dreht er aber plötzlich ab, und läßt den offensichtlich Stärkeren den Vortritt. Beim zweiten Anlauf ist Toni schon couragierter und etwas schneller unterwegs, sodass wir nicht ständig von links und rechts überholt werden. Motto: durch und rein!

Es gelingt dann auch problemlos, jetzt aber heißt es einen Platz finden. Die ersten beiden Liegeplätze an der Mole gehören exklusiv den beiden Müllschiffen. Diese fahren ohne Unterbrechung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit jeweils fünf Müllwagen beladen, wie wir sie auch bei uns kennen, zur Müllinsel, die ca. 5 sm westlich von Malé liegt. Dort wird der Müll verbrannt, denn es raucht Tag und Nacht. Die nächsten Plätze gehören den Dhonis, dann kommt eine Hafenecke, wo nur mehr Wohnboote in ganz engen Päckchen liegen, wo sicher keiner mehr rausfahren kann (und will). Hier wird gelebt. Dann kommen die Handelsboote, die ihre Waren hier umschlagen. Und so geht es weiter, jedenfalls finden wir nirgendwo ein freies Plätzchen für unsere Serengeti und lustigerweise auch kein anderes Segelboot. Dafür sehen wir jetzt aber recht deutlich Ankerleinen ausliegen, sogar zwei schwimmende Leinen. Da gibt es nur mehr eines für uns: kehrt und raus!

So, nach diesem missglückten Versuch bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als mit den vielen großen Frachtschiffen und Ausflugsbooten, die hier auf Reede ankern, das unruhige Wasser zu teilen. Rund 200 m vom Ufer entfernt finden wir einen passenden Ankerplatz. Wir haben nur ein Problem: hier hat es nirgends weniger als 40 m Wassertiefe und das ist für uns enorm viel. Wir bringen 40 m Kette, 10 m Trosse und noch weitere 40 m Trosse aus. Eine Zeitlang liegen wir ruhig zwischen zwei einheimischen Schonern. Dann driften wir seitlich ab. Schließlich müssen wir unseren Anker lichten, was mit zwei Stückelungen im Geschirr ein sehr schweißtreibendes und aufwendiges Manöver ist. Nach einiger Zeit können wir uns rund 100 m zurückfallen lassen, so daß wir von den beiden Schonern gut frei sind, lassen den Anker wieder fallen und nun paßt es und er hält! Wir liegen halt mitten unter bestimmt mehr als 50 Schiffen auf Reede und sind mit Abstand das Kleinste.

Zum Einklarieren auf den Malediven braucht man einen Agenten. Fifo ist auch im Indian Ocean Pilot empfohlen, über Funk hat er uns 20 Minuten versprochen, doch jetzt warten wir schon mehr als drei Stunden auf ihn. Die ersten beiden Welcome-Drinks lassen den Ärger und auch den Hunger gar nicht so richtig hochkommen. Dennoch hoffen wir nun auf einen baldigen Landgang mit Internet, Essen, kaltem Bier usw. Fifo heißt „first in, first out„. Das dürfte ein wenig mit Selbstüberschätzung zu tun haben, oder?

16.00 Uhr: nach mehreren Funkgesprächen und über fünf Stunden Wartezeit ist es endlich so weit, dass ein Boot längsseit kommt. Wir schauen noch etwas langsam, jedenfalls haben in kürzester Zeit 7 (sieben!) amtliche Malediver in unserem Cockpit Platz genommen: Fifo, der Agent und sein Assistent, ein Offizier samt Assistenten von der Polizei, ein health-officer, einer vom Zoll und schließlich einer von der Einwanderungsbehörde. Unzählige Formulare und eine halbe Stunde später sind wir einklariert. Und noch einmal eine halbe Stunde später starten wir unser Dingi und gehen an Land.

Inzwischen ist die rush hour angebrochen in Malé und obendrein noch brütend heiß. Nicht nur, daß die Stadt sowieso völlig überbevölkert ist, müssen sich alle meine Sinne erst langsam wieder an diese seit einem Monat unbekannten Anforderungen einstellen: der hohe Lärmpegel, die vielen Menschen kreuz und quer gehend, laufend, fahrend und überall auch sitzend, die vielen unterschiedlichen Gerüche ... Während der ersten Stunde an Land habe ich regelrecht ein wenig Angst – meine Sinne sind einfach überfordert. Ich stoße überall an, haue mir die Zehen an Gehsteigkanten wund oder stoße recht ungeschickt mit Passanten zusammen. Toni geht es offensichtlich nicht viel anders. Wir reden auch nicht allzu viel, denn er hat ebenso wie ich mit der Koordination seiner Sinne genug zu tun.

Der erste Weg führt uns narürlich ins Cyber-Café, um schon einmal einen ersten Bericht nach Hause zu schicken. Die Mails von daheim werden zuerst gelesen, und schließlich ein paar aktuelle news über die ORF-Seite. Fürs erste mehr als genug. Jetzt aber rasch in ein Restaurant. Wir essen indisch, allerdings ohne kaltes Bier. Denn schließlich sind wir in einem streng muslimischen Land. Mit brennenden Füßen und todmüde sind wir bereits um 10.00 Uhr abends wieder zurück auf Serengeti. Trotz der Müdigkeit fällt das Schlafen schwer, weil es so viele Licht- und Geräuschkulissen rundherum gibt, an die ich einfach nicht gewöhnt bin.

Sonntag, 26.11. bis Mittwoch, 29.11. – 2. bis 5. Hafentag: der Schneider von Malé als Segelmacher

Die Tage auf Reede vor Malé sind ausgefüllt mit Arbeit und mit täglichen Besuchen in der Stadt. Man möchte gar nicht glauben, wieviel Arbeit gleich wieder anfällt. Wasser und Diesel mit dem Dingi zu bunkern ist sehr anstrengend und zeitraubend. Dann ist es dringend erforderlich, Serengeti den Algenbart zu entfernen und schließlich die unendliche Geschichte mit dem „Segelmacher-Schneiderlein„:

Das Groß ist im oberen Teil zerrissen und bei der Genua sind mehrere Nähte zum ausbessern und, falls der Preis stimmt, sollte das Bimini-Top dringend neu geschneidert werden. Diese Segelmacherarbeiten sind auch der einzige Grund, warum wir noch immer in Malé auf Reede liegen, und nicht schon längst in einer verträumten Bucht relaxen und schnorcheln. Also, wir erzählen schon bei unserem ersten Treffen unserem Agenten unsere Sorgen und bitten um Empfehlung eines Segelmachers. Er verspricht uns, für Sonntag einen Termin zu vereinbaren. Wegen Beginn des Fastenmonats Ramadan wird es dann Sonntag abend, bis wir endlich den Sailmaker treffen können. Stilgerecht läßt uns unser Agent per Taxi vorfahren. Der Agent ist nun auch als Dolmetsch wichtig. Die geschilderten Reparaturarbeiten sind „überhaupt kein Problem„ und wegen des Bimini wird kurz entschlossen ein Dhoni gechartert und die ganze Truppe setzt zur Serengeti über. Herr Segelmacher schaut sich alles stillschweigend an, läßt „überhaupt kein Problem„ übersetzen und braucht auch nicht Maß zu nehmen. Er möchte nur das alte Bimini als Vorlage verwenden. Die beiden defekten Segel werden gleich per Dhoni in die Werkstatt mit zurückgenommen.

Das Bimini werden wir selbst am Montag nachliefern, wenn wir dann auch die Stoffmuster auswählen können. Alles „no problem„. Komisch, dass bei mir immer alle Alarmglocken klingeln, was ich Toni auch sage. Sowohl unser Agent als auch das Schneiderlein machen mir keinen wirklich vertrauensvollen Eindruck. Einzig das Preisangebot für das neue Bimini ist überzeugend: 2000 RF minus ein noch auszuhandelnder Rabatt liegt einiges unter den Erwartungen Tonis. Das freut ihn natürlich und überdies gibt es auch keine Alternative: weder zum Agenten noch zum Sailmaker! Toni will das Bimini auf jeden Fall in dunkelblau, was sich auch ganz gut trifft, da es laut Schneidermeister derzeit sowieso nur blaues Segeltuch gäbe.

Am Montag liefern wir dann vereinbarungsgemäß das Bimini ab. Wir müssen erfahren, dass die Stoffmuster wegen des Ramadans erst am Dienstag zur Verfügung stehen werden. Auch Groß und Genua konnten deswegen noch nicht bearbeitet werden. Der neu vereinbarte Fix-Termin heißt Dienstag mittag für die Stoffmuster und Dienstag abend für die Abholung der beiden reparierten Segel.

Am Dienstag kommen wir dann ein wenig später, da wir durch Internet, Fifo und Supermarkt doch einigermaßen aufgehalten wurden. Als wir um 14.00 Uhr per Taxi vorfahren, schläft das Schneiderlein gerade ein wenig. Die Segelreparaturen haben auch noch nicht begonnen und die Stoffmuster sind alles andere als zufriedenstellend. Es gibt nur einen einzigen Stoff, der annähernd Segeltuch-Qualität hat und stark genug ist, aber er ist weiß. Daraufhin beschließt Toni, das Bimini doch erst im Oman machen zu lassen. Das heißt, es geht jetzt nur noch um die Fertigstellung von Groß und Genua und die diesbezüglichen Kosten. Schneidermeister ziert sich, hat keine Ahnung was er sagen sollte, rechnet dann hin und rechnet wieder her, auf und ab und will schließlich für seine Arbeit 3000 RF. Das sind umgerechnet rund öS 4.000,- für insgesamt etwa drei, maximal vier Meisterstunden. Jetzt reicht es endgültig. Wir diskutieren nicht mehr sehr lange, packen unsere Segel selbst wieder zusammen und verabschieden uns. Es ist überaus anstrengend und schweißtreibend, am frühen Nachmittag mit zwei Segelsäcken und drei Kartons Einkäufen im Dingi zurück zur Serengeti zu fahren. Beim Pre-Sundowner sind wir natürlich immer noch ziemlich angefressen und Toni gibt seinen mehr als berechtigten Frust per Funk an unseren glorreichen Agenten weiter. Dieser ist natürlich „very sorry„, läßt den Anschiß aber ziemlich cool abtropfen. Soweit zu den „no-problem„ – Problemlösern, die scheinbar auf der ganzen Welt nach dem gleichen Muster gestrickt sind.

Am Mittwoch haben wir dann noch eine Fahrt in den neuen Hafen zu erledigen, um letzte Wasservorräte, Diesel, Obst und Gemüse an Bord zu bringen. Das Wetter schlägt auch gerade um, und so fühlen wir uns auch beide abgespannt, müde und erholungsbedürftig. Wind und Seegang sind stärker geworden. Mit unserem Ankerauf-Manöver müssen wir bis zum Kentern des Stromes warten. Um 12.00 Uhr ist es dann soweit. Dann dauert es immer noch eine gute halbe Stunde und braucht enorm viel Kraft und Geschick, bis wir die 50 m Trosse und 40 m Kette samt Anker wieder heroben haben.

Nach weiteren 1,5 Stunden langsamer Motorfahrt werfen wir um 15.00 Uhr Anker auf sieben Meter Wassertiefe genau vor dem Club Med. Lange liegen wir aber nicht hier, weil der General Manager etwas dagegen hat. Ein junger Malediver kommt in Begleitung eines Security längsseit und macht uns höflich, aber bestimmt darauf aufmerksam, daß wir rund 100 m nach Süden verholen müssen. Dort liegen wir ebenso gut, aber halt ein wenig weiter entfernt von Restaurant, Bar und Dhonisteg. Denn das sind für uns die wichtigsten Einrichtungen für die nächsten beiden Tage. Übrigens hat mir Kapitän Toni heute ab 14.00 Uhr offiziell Urlaub gegeben. Mittlerweilen bin ich beim dritten Urlaubsdrink (Gin mit Juice) und schon verdammt gut drauf!

Donnerstag, 30.11.

Es folgen zwei ruhige Tage im paradiesischen Atoll vor dem Club Med. Im Club gehen wir zum Essen, d.h. wir schwelgen in für uns unbekannten Sphären, nämlich am riesigen Buffet und gut gekühltes Bier und französischen Wein gibt es ebenso massig. Urlaub auf den Malediven – aber halt nur einen guten Tag. Am nächsten Tag gehen wir noch einmal zum Schnorcheln. Und wie schon einige Jahre zuvor in der Karibik, sehe ich als Brillenträger wieder einmal so gut wie nichts. Nicht einmal die beiden gut drei Meter langen Haie, die uns bis auf ca. 10 m nahe gekommen sind und Toni zu Begeisterungsstürmen hingerissen haben. Ich habe sie ganz einfach nicht gesehen. Ein bißchen gefürchtet habe ich mich hinterher trotzdem. Dieses Erlebnis ist schließlich Auslöser, daß ich mir nach meiner Rückkehr doch noch Kontaktlinsen machen lasse, obwohl ich seit mehr als dreißig Jahren an die Brille gewöhnt bin und mir ein Leben mit Linsen gar nicht vorstellen kann. Nur: noch einmal soll mir das nicht passieren.

Samstag, 2.12. – Crewwechsel

Aus und vorbei! Am Vormittag trifft Tonis Frau ziemlich planmäßig ein. Die beiden haben sich seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen und brauchen die zwei Wochen gemeinsamen Urlaub natürlich auch dringend; und für mich heißt es am Abend Abschied nehmen. Abschied nehmen von einem großen Abenteuer, das mir so viele neue und wunderbare Eindrücke vermittelt hat. Und zurück nach Hause zu meinen Mädels, auf die ich mich jetzt schon irrsinnig freue.

Der Rückflug über Singapur dauert wieder gut 40 Stunden. Todmüde, aber glücklich und sehr zufrieden komme ich im kalten Österreich an. Dass die nächsten Tage für mich noch viel kälter werden sollten, ist aber eine andere Geschichte.

Segeln mit österreichischem Weltumsegler

Segeln doch mit !

  ^^ TOP ^^

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