Mit der Segelyacht „SERENGETI“ um die Welt

Mastbruch und Riggverlust im Arabischen Meer

 Mai 1998 bis Mai 2001

Reisebericht von Anton Bozic (Toni)

Bora Bora - Borabora

  Eine WELTUMSEGELUNG ist der kürzeste Weg zur sich selbst !  

 

Am Sonntag, dem 31.Mai 1998, verlasse ich Triest, Italien, solo, mit erstem Ziel Korfu im Ionischen Meer. Damit beginnt eine Reise, die mich schließlich um die Welt führen soll - doch vorerst ist davon noch gar nicht die Rede: Einmal über  den Atlantik und wieder zurück soll es gehen mit meiner „Serengeti“. Im kommenden Jahr im Sommer will ich wieder im Mittelmeer sein - doch mit den Tücken des Segelvirus habe ich eben nicht gerechnet...  

Entlang der kroatischen Küste und weiter nach Korfu sammle ich meine ersten Einhand-Erfahrungen - manches Manöver läuft anfangs noch mit viel Bauchweh ab und Perfektion sieht wohl auch etwas anders aus; doch irgendwie krieg ich es doch ohne grobes Malheur hin und mit der Zeit und einiges an Übung werden die Handgriffe schnell sicherer und besser.

SO von Sizilien erwischt mich der erste “ordentliche“ Sturm; es heult aus Westen mit  bis zu 10 Beaufort - nichts geht mehr! Nur unter Sturmfock (8m²) halte ich die Position so gut ich kann. Die Wellen, die gegen die Bordwände der Serengeti knallen, lassen mich sehr klein und schwach vorkommen. Wird „S“ das unbeschadet durchstehen???! Warme Mahlzeiten sind „out“; bei dem Wetter halte ich mich wohlweislich vom Gasherd fern. Auf Dauer von Müsli, Sandwich und Keksen zu leben, drückt allerdings erfolgreich die Stimmung. Ein Königreich für ein Schnitzerl! Ein vorbeikommender Frachter, den ich über Funk erreiche, gibt mir die „gute Nachricht“, dass noch keine Wetterbesserung in Sicht ist - und wünscht mir viel Glück.

Bereits in Malta lasse ich die ersten Verbesserungen an der Serengeti durchführen. Leesegel werden montiert und einige Umbauten durchgeführt, die etwas mehr Ablageraum in der Kajüte schaffen. Die Steuersäule wird mit soliden Niro-Bolzen (statt Alu!) fixiert. Als Resultat bemerke ich beim Ablegen nach Sizilien, dass das Ruder seitenverkehrt läuft ! An eine Korrektur unterwegs ist nicht zu denken, das wäre zu riskant und ein Finger schnell eingezwickt. Erst in Siracusa auf Sizilien habe ich die Bedingungen die Steueranlage zu zerlegen und den Fehler zu korrigieren – bis dorthin behelfen wir uns zeitweise mit einer Pinne (anstelle der Radsteuerung).   

Weiter durch die Straße von Messina mit einer österreichischen Crew (Bernhard, Ernesto, Sissi, Ewald) ; in der Nacht versperren uns plötzlich meilenlange Treibnetze den Weg – und das mitten in der Schiffsstraße! Mühsam und mit viel Bauchweh manövrieren wir uns zwischen den Netzen hindurch – alle paar Meilen liegt ein neues – einige mit Blitzleuchten versehen, andere ohne; einige haben einen Wächter, bei vielen ist niemand zu sehen. Das ist Nervenverschleiß! Ein Mann steht mit am Bug der SERENGETI und sucht mit dem Scheinwerfer (!!) nach den Netzen voraus. Die ersten Fähren, die Sizilien mit dem Festland verbinden, laufen bei Reggio am Morgen gerade aus dem Hafen, und sie sind so massenhaft, dass ein Durchkommen vorerst nicht möglich erscheint – die Meeresenge schein blockiert, aber beim Näherkommen ergeben sich dann doch genügend große Lücken um durchzuschlüpfen.

 In der Nacht bietet sich uns ein besonderes Schauspiel: auf der Backbordseite der Ätna (der allerdings kaum merkbar ist), auf der Steuerbordseite ein Glühen, das uns auf den ersten Blick wie Lavamasse erscheint – wir sind verblüfft ob dieser Erscheinung – es ergibt keinen Sinn auf den ersten Blick. Beim Näherkommen entpuppt es sich als riesiger Waldbrand!

Äolische Inseln/Liparische Inseln: ein Seglertipp! Vulkaninseln (aktive Vulkane auf Vulkano und Stromboli) - auch im Juli einsam und mit viel Flair. Wer das Außergewöhnliche im Mittelmeer sucht, findet es hier.

Weiter, am ältesten Leuchtfeuer der Welt, Stromboli (das schon Odysseus den Weg gewiesen hat) vorbei Richtung CAPRI. Erst jetzt bekommen wir den ersten Wind und können die Segel setzen – dafür hält er bis Nizza durch.

Capri ist der totale Gegensatz zu den Äolischen Inseln. Schiffsverkehr in jeder Form und so massenhaft, dass es einem angst und bange wird. Im Juli/August definitiv nicht zu empfehlen, hat aber zweifelsohne seinen Flair. Einen Liegeplatz in der Marina ergattern wir nur durch Zufall.

Ischia gleicht Capri punkto Schiffsverkehr. Auch hier ist die Atmosphäre typisch italienisch. Und nachdem gerade die Fußballweltmeisterschaft 98 läuft, kommt auch die Fußballverrücktheit der Italiener voll zur Geltung. Die komplette Crew der Serengeti natürlich mitten drin.

Die Pontinischen Inseln (Ponza, Ventotene, Zanone, Palmarola): ein Leckerbissen für den Segler an der italienischen Westküste – geschichtsdurchhaucht und nur wenige Touristen zu sehen – man fühlt sich wohl. Hier atmet man Geschichte.

Nach N-Sardinien – Straße von Bonifacio – BONIFACIO. Ein Traumrevier und mein SEELISCHER HEIMATHAFEN! Hier erleben wir das Finale der Fußball-WM zw. Frankreich und Brasilien. Die Stimmung erwartungsvoll angespannt unter den Korsen. Überall stehen Fernseher vor den Cafés – alles ist auf der Straße, bzw. vor den Fernsehern. Der Sieg Frankreichs sorgt für das große HAPPY END! Die „S“ liegt unmittelbar neben den Cafés und wir feiern natürlich voll mit den Franzosen mit - "Vive la France!"

Schon am nächsten Tag segeln wir weiter über Bastia und Kap Korse rüber zum Festland nach Nizza. Hier kommen meine zwei Söhne, Alex und Bernhard und ihr Freund Niko an Bord. Wir segeln entlang der Cote Azur und setzen dann nach Menorca über –  eine stürmische Fahrt, wobei die Seekrankheit meinen Söhnen ganz schön zu schaffen macht... Südfrankreich ist ein schönes Segelrevier, aber im Sommer sind viele Buchten hoffnungslos überlaufen, einen Platz in einer Marina zu finden grenzt an Wunder. Auf den Balearen findet man noch eher eine halbwegs einsame Bucht, wenn auch hier die Preise für Marinas und Proviant recht deftig sind. Meine Frau gesellt sich für zwei Wochen zu uns, und wir segeln gemütlich von Insel zu Insel, von Bucht zu Bucht - ein richtiger Familientörn halt.

Bei starkem Westwind legen wir (Sigi, ein Kärntner, und ich), nachdem meine Familie wieder nach Wien zurückkehren musste,  Anfang September 98 von Mallorca ab, und setzen, nach kurzem Stop auf Ibiza, auf das spanische Festland über. Anhaltende starke W-Winde zwingen uns zum Kreuzen und wir kommen nur zäh voran; zeitweise kommt sogar die Sturmfock zum Einsatz; nicht gerade lustig, wenn man so ein Ding in der Nacht am Kutterstag anschlagen muss..  

Enge von Gibraltar 

GIBRALTAR! Der weltbekannt „Rock“ entschädigt uns für all die Mühe: wir genießen den 3-tägigen Aufenthalt, inklusive Besichtigung der ehemaligen militärischen Festung am Felsen und der dort lebenden Affen.

550 Meilen sind es nach Porto Santo, Gomera und Madeira. Auf der Blumeninsel mieten wir uns einen Wagen und fahren mal kreuz und quer über die Insel. Ja, hier könnte man durchaus einen längeren Urlaub verbringen.  

Auf dem Schlag nach Gran Canaria (Las Palmas) ereilt uns der erste größere technische Schaden:  Plötzlich ein heulendes Geräusch, das sich wie eine Kaffeemühle anhört: das Getriebe hat sich verabschiedet!

Eine Reparatur mit Bordmitteln ist nicht möglich. Jetzt war zu überlegen, wie wir am besten in den Hafen von Las Palmas kommen. Vor allem als sich abzeichnete, dass die Ankunft zur Nachtzeit sein würde.

Zuerst erwäge ich, aufs Tageslicht zu warten. Doch wenn der Wind bis dahin einschläft, war uns damit nicht geholfen. So entschließen wir uns schließlich die Gunst der Winde zu nutzen und in der Nacht einzulaufen – AUSSCHLIESSLICH UNTER SEGEL. Und das in einem unbekannten Hafen – da ist schon viel Bauchweh dabei...

Mit Glück schaffen wir es (mit viel Glück) auf Anhieb – mit einem etwas gewagten Halsemanöver im Hafen gehen wir schließlich an einer anderer Segelyacht längseits ohne Schaden anzurichten – PUUUUUUUHHHH:::  

Über den Atlantik

Senor Pedro verspricht uns eine „Volvo-Spezialisten“ für das Getriebe zu schicken – NO PROBLEM – hören wir immer wieder. Als ich nach zwei Wochen Heimaturlaub wieder zurückkomme, ist das Getriebe so defekt wie vorher. Aber immer wieder hören wir – jetzt bin ich schon mit meiner Atlantik-Crew (Alan, Christian und Notl) da – NO PROBLEM! Ich fahre mit dem Mechaniker durch die Gegend um Rat und Ersatzteile zu besorgen. Den Abfahrtstermin müssen wir verschieben. Es wird mir mehr und mehr klar, dass diese „Fachleute“ keine Ahnung haben, was zu tun ist.

Am Ende entscheiden wir uns ohne Getriebe über den Atlantik zu gehen. Der „Volvo-Spezialist“ hatte noch die Frechheit  für seine „Arbeit“ Geld zu verlangen. Meine Antwort „no cure - no pay“ wollte er zuerst nicht akzeptieren. Nachdem mir der Marinamanager auch recht gab, verzog er sich schließlich mit langem Gesicht. Das Getriebe musste ich vorher noch aus seiner „Werkstatt“ (einem Hinterhof-Schrottplatz) stehlen und in zwei Plastikkübeln zum Boot schleppen.

Jetzt müssen wir ohne Motor erst mal aus dem Hafen kommen. Wieder wende ich mich an Senor Pietro von der Texaco-Tankstelle um Schlepphilfe. Die kommt auch zur verabredeten Zeit; doch schon wie er seine Motoryacht vor die „S“ stellt, lässt mich Böses vermuten: Der Kerl hat keine Ahnung! Mangels Alternative machen wir weiter und erklären dem Captn was er tun müsse. Wir machen eine 15m-Leine an seinem Boot fest und er zieht uns aus der Box und Richtung Hafenausfahrt. Doch auf halbem Weg dorthin wirft unerwartet ein Crewmitglied einfach die Schleppleine los und der Skipper wirft den Retourgang rein und gibt Vollgas. Ich trau meinen Augen nicht, werfe das Ruder hart backbord – das Heck der Motoryacht kommt rasend schnell auf den Bug der „S“ zu – dann wieder hart steuerbord – und mit einem Hauch an Abstand gleiten die beiden Schiffsrümpfe aneinander vorbei. Beinahe hätten wir die „S“ schon im Hafen versenkt...

Nachdem der Wind direkt in die Hafeneinfahrt steht und es zu eng zum Kreuzen ist nimmt uns schließlich eine andere Segelyacht wieder in Schlepp und zieht uns durch die enge Einfahrt. Groß und Genua werden hurtig gesetzt und wir ziehen endlich erleichtert an der Ostküste von Gran Kanaria in Richtung Süden – die große Fahrt hat begonnen. Ein ordentlicher Manöverschluck ist angesagt - aber schließlich werden es doch einige mehr...

 Es folgen 26 Tage der Beschaulichkeit und Erfahrungen, die wir alle bisher nicht machen konnten. Anfangs machen wir gute Fahrt, doch dann folgen einige Tage, wo die Segel nur schlapp herunterhängen. Wir dümpeln nur dahin, kein Lüftchen rührt sich. Unter dem Boot hat sich eine Gruppe von Fischen versammelt, die sich dort anscheinend wohl fühlt. Ganz nach Gernots Geschmack denn seine Lieblingsbeschäftigung ist das Fischen; jeden Tag fängt er zumindest eine Goldmakrele, einen Thunfisch oder manchmal auch einen köstlich schmeckenden Wahoo. Schließlich streiken wir; Fisch zum Frühstück, Mittag- und Abendessen auf Dauer ist einfach zu viel. Gernot bekommt Fischverbot! Er nimmt uns das sehr übel.

Eines Nachts erleben wir ein ganz besonderes Schauspiel geboten: Ein Meteoritenregen geht auf die Erde nieder, wie ich es noch nie erlebt habe. Es dauert die ganze Nacht an. Mir kommt sofort „Krieg der Sterne“ in den Sinn; es war einfach unheimlich. Wie ich später hörte, war dies eine astronomische Ausnahmeerscheinung.

Eine angenehme Abwechslung ist das tägliche Bad. Wenn es die Geschwindigkeit erlaub, lassen wir uns am Heck nachziehen, indem wir uns an der Badeleiter anhalten – das erspart einem das Schrubben...Am 22.November nahm dieses Bad bei Christian allerdings ein spektakuläres Ende: Alan und ich haben uns gerade zur Siesta hingestreckt, als von der Brücke der gar nicht so dringend klingende Ruf „MANN ÜBER BORD!“ von Gernot erklingt. Zuerst denke ich noch, dass er wohl einen „Probealarm“ üben will, stürme dann aber doch zusammen mit Alan an Deck. Gernot weist auf den schon eine beachtliche Strecke hinter dem Heck schwimmenden Christian hin. Wir gehen sofort auf Gegenkurs (unter Segel natürlich, denn wir haben ja keinen Motorantrieb), vollziehen knapp bevor wir auf die Höhe des Schwimmers kommen eine Wende und drehen dann bei; das Manöver hat gottseidank auf Anhieb gepasst und Christian kann über die Badeleiter an Bord gezogen werden.  Das gibt einen willkommenen Anlass für einen außertourlichen Manöverschluck; aber diesbezüglich fiel uns eigentlich immer was ein. Was ist geschehen? Christian saß gerade auf der Badeplattform am Heck und hatte sich schön von Kopf bis Fuß eingeseift als eine außergewöhnliche Welle auf die Serengeti prallte. Mit den eingeseiften Händen und dem genauso rutschigen Hintern hatte Christian keine Chance sich auf der Plattform zu halten und PLUMPS – weg war er! Auf die Frage, wie man sich denn so alleine mitten im Atlantik fühlt wenn das eigene Schiff hurtig davon zieht, antwortete er später: „BESCHISSEN – buchstäblich!“

 

Nach 26 Tagen Fahrt erreichen wir schließlich wohlbehalten die Karibik und unsere Destination Philipsburg, Sint Maarten. Ein riesiger amerikanischer Flugzeugträger liegt vor der Bucht. Unter Segel wagen wir uns soweit wie möglich in die Bucht hinein und werfen schließlich auf gut 5m Wassertiefe unseren Anker. Das Beiboot wird aufgeblasen, ins Wasser geworfen, und in nullkommanix sind wir schon in der allernächsten Bar. Böse Zungen behaupten, das schönste an einer Atlantiküberquerung sei das erste kalte Bier in der Karibik! Nun, ich will nicht streiten...

Nachdem wir etwas ortskundig gewordne sind, verlegen wir die Serengeti an den Steg in Bobby´s Marina. Meine Kumpels bleiben noch einige Tage und wir machen zusammen die netten Bars und Raggee-Cafés unsicher. Die karibischen Schönheiten haben es nicht nur mir angetan...    

 

In der Karibik

 

Eine der wichtigsten Aufgaben eines Weltumseglers ist es, 

den Tag mit Nichtstun zu verbringen,

und sich danach ein Päuschen zu gönnen !

Die Serengeti muss aus dem Wasser und in die Werft, denn am Ruder haben sich einige Haarrisse gezeigt. Und das Getriebe muss natürlich auch endlich repariert werden.

Es folgen Monate des angenehmen Passatsegelns zwischen den British Virgin Islands und Grenada mit verschiedenen Chartercrews, wo ich mir etwas dazu verdiene. Auf Dominika treffe ich den Franzosen Jean-Pierre und er entschließt sich, mich auf der Fahrt nach Tahiti, Französisch Polynesien, zu begleiten. Angenehmer Nebeneffekt für mich: Neben der angenehmen Gesellschaft von Jean-Pierre kann ich auch mein Französisch etwas aufpolieren.

In Trinidad statte ich mein Boot mit einer MONITOR-Windfahnensteuerung aus, denn der elektronische Autopilot ist auf langen Strecken einfach zu unzuverlässig bzw. störungsanfällig. Es kommen noch Einrichtungen wie Wasseraufbereiter und Stromumwandler dazu; damit bin ich unabhängig von externer Strom- und Wasserversorgung.

  Chaguaramas - Trinidad

Eine angenehme Crew (ein österreichisches Paar und der Franzose Jean-Pierre) begleitet mich von Trinidad nach Panama. Wir besuchen kleine Juwele der Karibik wie die Los Roques und Los Aves Inseln, beide zu Venezuela gehörend. Von Fischern bekommen wir Haifischsteaks  (gleich etliche Kilo) geschenkt, die unserer Bordküche angenehme Abwechslung bringt. Beim Versuch, den Fisch vom Land an Bord zu bringen, werden Jean-Pierre und Egon allerdings vom stark wehenden Wind aufs Meer hinausgetrieben. Ich bin gerade an Land und kann nur tatenlos zusehen, bis schließlich ein paar Fischer die Lage erkennen und die beiden wieder zurück holen.

Einiges an Nerven kostet eine verspätete Ankunft auf den Los Roques Inseln. Es ist schon stockdunkel und ein kräftiger Ostwind weht, der auch den entsprechenden Seegang mit sich bringt. Wir haben Probleme die angepeilte Bucht zu finden. Die Insel ist flach und in der Nacht kann man keine Charakteristiken erkennen an denen man sich orientieren könnte. Nur ein Leuchtfeuer in einiger Entfernung ist ein Anhaltspunkt. Dafür gibt es etliche „nette“ Riffs in der Gegend. Es erfordert einige Versuche und viel Arbeit mit dem Scheinwerfer, bis wir endlich unser Ziel finden, das Beiboot ins Wasser setzen und schließlich den Anker werfen. Jean-Pierre schaut recht bleich drein.

Über die ABC-Inseln (ehemaliges holländisches Gebiet) segeln wir weiter Richtung Westen. Der starke Ostwind von bis zu 8 Beaufort baut eine mächtige See mit Wellen bis 5 Meter auf. Zeitweise kommen wir mächtig ins Surfen und die Segel müssen auf ein Minimum gekürzt werden. Dennoch passiert es: Eines nachts lässt eine mächtige achterliche Welle die Serengeti querschlagen ("Knock Down" - wenn der Mast parallel zum Wasser steht); sie wird fast 90° auf die Seite gedrückt - das Wasser schlägt über die Bordwand und füllt das Cockpit bis zum Rand. Ich habe gerade Wache und bekomme ein volles Bad ab. Erst bei Hellwerden bemerke ich den vollen Schaden: Eine Relingstütze hat es ausgerissen und ein Rettungsring ist verloren gegangen; die Passarella hängt gerade noch an einem Bändsel.

Die Ankunft in Panama im PCYC (Panam-Canal-Yacht-Club) erfolgt am frühen Nachmittag. Viele Großschiffe liegen in der Limon Bay vor Anker und warten auf die Durchfahrt, rüber in den Pazifik. Kleine Yachten aller Nationen warten vor Anker oder im Yachtclub. Die Crews sind verständlicherweise sehr nervös, denn der Panamakanal-Transit ist eben mal etwas besonderes. Viele fahren auf anderen Schiffen sozusagen zum Erfahrungsammeln mal mit, und schauen sich das ganze Prozedere an. 

Für Egon und Eva, das österreichische Pärchen, ist hier leider die Fahrt zu Ende, und sie fliegen wieder nach Hause. Jean-Pierre verlässt mich leider auch: er wollte ja bis nach Papeete, Tahiti, mitsegeln, aber seine Freundin vermisst ihn angeblich zu sehr. Ich habe jedoch den Eindruck, dass ihm die Fahrt durch die Karibik etwas zu unheimlich bzw. anstrengend war. Zeitweise ist es ja auch tatsächlich etwas wild zugegangen.

Bereits 1534 wurden von Karl I aus Spanien der Vermessungsauftrag für den Kanal vergeben, aber mehr als 300 Jahre vergingen bevor die ersten Bauarbeiten 1880 begannen. 20 Jahre waren die Franzosen dran, doch Krankheiten und finanzielle Probleme ließen sie scheitern. Erst als 1904 die Amerikaner den Franzosen alle ihre Rechte abkauften, wurde von ihnen der Kanal in 10jährigen Bauzeit fertig gestellt. Es war ein Projekt mit bis dahin unbekannten Dimensionen. Bis heute hat sich eigentlich nichts geändert. Die höchste bekannte Transitgebühr wurde von einem amerikanischen Frachtschiff bezahlt: USD 180.000 !!   

Durch den Panamakanal   

Nach dem Erledigen der Formalitäten, u.a. wird das Schiff vermessen, und Bezahlen der Transitgebühr in Höhe von 500 US Dollar, sowie einer „Transitkaution“ in Höhe von $ 800 (!), nehmen wir am 28. Februar endlich den Kanallotsen an Bord. Mit neuer Crew (einem Wiener), zwei Gästen aus Island und Dänemark, die als Linehandler agieren, und einer panamesischen Deckshand namens Rudi, fahren wir hinter einem Großschiff in die erste Schleuse der Gatun Locks. Wir können uns  an einen Schlepper seitlich anhängen und fahren mit diesem die drei Stufen von je 9 Metern hoch zu Gatun-See. Ein letzter Blick zurück zum Atlantik – bye-bye! 

Dann richtet sich der Blick wieder nach Westen, zum Pazifik. Nach einer Übernachtung im Gatun-See bei Gamboa fahren wir am nächsten Morgen weiter zu den Schleusen auf der Pazifikseite: Miraflores und Pedro Miguel Locks, wie sie heißen. Diesmal sind wir im Päckchen mit einer anderen Segelyacht verbunden. Von den Schleusenseiten fliegen uns die „monkeyfists“ entgegen (das sind lange Wurfleinen mit einem Lederball als Wurfgeschoss) an die wir unsere langen Leinen festmachen. Diese werden wiederum an Land gezogen und dort an Pollern befestigt; so liegen wir sicher in der Mitte der Schleuse während das Wasser rund um uns brodelt und sich mächtige Wirbel bilden. Durch unzählige riesige Absauglöcher entweicht das Wasser und senkt uns langsam auf das Niveau der nächsten Stufe ab.

  Panamakanal - Schleusen

Glücklich und ohne Havarie erreichen wir am Nachmittag Balboa, die Hafeneinfahrt auf der Pazifikseite, wo wir unseren Lotsen und unseren Begleiter während des Kanaltransits verabschieden. Ein letztes Mal füllen wir noch unseren Wasser- und Dieselvorräte auf bevor wir, unter der „Bridge of the Americas“ durch, Kurs in den Pazifik setzen.

Die erste Etappe führt uns zu den Las Perlas Inseln, die noch zu Panama gehören. Auf San Jose treffen wir Dieter und Gerda, ein älteres deutsches Paar, das sich hier vor 18 Jahren niedergelassen hatte; sie haben hier ihr persönliches Paradies gefunden, wie sie behaupten.. Weit abseits jeglicher Zivilisation frönen sie ein einfaches Dasein. Sie leben in einem Buschhaus einfachster Art; ein Kurzwellenradio ist eines der wenigen „Luxusgütern“,  abgesehen vom kleinen Motorboot, mit dem sie einmal im Monat aus Panama-City ihren Einkäufe heranbringen. Die Segelyacht, mit der sie hier angekommen waren, liegt heute als verrosteter Schrotthaufen am Strand unweit von ihrer Hütte. 

Sie leben von Zitrusfrüchten, die sie an vorbeikommende Segler verkaufen; einige Wildschweine die sie in einem Gehege halten, bringen etwas Abwechslung in die einfache Küche. Als wir nach drei Tagen wieder unseres Weges ziehen, winken sie uns lange vom Hügel ihres Hauses mit einer deutschen Fahne nach; es scheint uns, als wenn sie selbst auch gerne mal wieder weiterziehen würden...  

Von Panama nach Tahiti - der PAZIFIK

 

Einen Ozean überquert man nicht!

Man LEBT auf ihm - bis eines Tages wieder das Land auf Besuch kommt !!

Einen Tag nachdem wir die Gewässer von Panama hinter uns gelassen haben, ereilt uns das erste Malheur: Ein böser Durchfall hat mich und Rupert erwischt; wir vermuten, dass es Salmonellen sind, denen wir diese feuchte und kraftraubende Angelegenheit zu verdanken haben. Während ich noch halbwegs bei Kräften bin, erwischt es meinen Gast ganze böse; er kann sich kaum von seiner Kabine zur Toilette schleppen. Zu allem Überfluss fängt er dann aber auch noch an, mir schwere Vorwürfe zu machen, dass ich ihn vergiftet hätte usw. Das hebt nicht gerade die Stimmung an Bord. Überhaupt entpuppt sich mein Pazifik-Weggefährte als recht launisch und unberechenbar; immer wieder kommt es zu Eskapaden seinerseits, die die Stimmung in den Keller fallen lassen. Bald bereue ich es schon ihn mitgenommen zu haben; und ich muss noch ganze neun Wochen mit ihm auskommen – eine Eeeeewigkeit! 

Höhepunkte, wie die einmaligen Galapagos Inseln, kann ich schon deshalb nicht genießen. Ich seil mich ab wo es geht und gehe meine Wege, erkundige Flora und Fauna in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht. Diese Inseln gehören zu Ecuador. Gottseidank wird der Tourismus rigoros kontrolliert; vorgegebene Quoten dürfen nicht überstiegen werden.

Galapagos Archipel

Das Glanzstück liefert Rupert, als er auf den Tuamotus einfach drei meiner Bücher entwendet und sie einem dort lebenden Neuseeländer schenkt. Er tut dennoch verwundert und beleidigt als ich ihm mitteile, dass wir sofort nach Tahiti aufbrechen und seine Reise mit mir auf schnellstem Wege beendet wird.

Nachdem ich meine „nette Begleitung“ in Papeete endlich losgeworden bin, kann ich mich wieder etwas entspannen und auf angenehmen Besuch aus Österreich freuen: Zuerst ein befreundetes Paar, Nora und Gerhard, das mit mir 14 Tage lang durch Französisch Polynesien kreuzen will. Und dann kommen meine zwei Söhne mit ihrem Freund, und verbringen die Ferien mit mir. Zusammen wollen über die Cook Inseln und Tonga  zu den Fidschi Inseln segeln. 

Papeete, die Hauptstadt dieses Inselreiches, bietet natürlich heute jeglichen Luxus. Kreuzschiffe nehmen Touristen aus dem fernen Europa oder Amerika auf eine Rundreise. Zehn Tage später spucken sie sie wieder aus und nehmen neue auf. Die Preise sind dementsprechend: Unterm Strich wohl so an die 50% höher als in Europa. Dennoch: Der Hafen von Papeete ist sehr kurzweilig; ein ständiges Kommen und Gehen. Im Mai und Juni wird schon ernsthaft für das große Bootrennen im Juli trainiert, wo sich Ruderer von allen Inseln untereinander messen. Einer, Doppel und Vierer üben täglich nach Dienstschluss für das große Ereignis; die Spannung liegt der Luft; es knistert so richtig. Schön, wenn man am Morgen die Mannschaften trainieren sieht, Tag für Tag; es geht ja schließlich um viel Ehr.

 

Von Tahiti nach Fidschi

Endlich sind meine Jungs, Alex und Berni, mit ihrem Freund Niko, da und es geht nach zwei Tagen auf Tahiti gleich los nach Moorea und zu den Cook Inseln. Die Menschen der Südsee muss man kennen gelernt haben: Ihre freundliche Art, das immer vorhandene Lächeln, der freundliche Gruß „NA-NA“ und ihre Großzügigkeit. Da geht man nach Ladenschluss auf Brotsuche, und in irgendeinem Restaurant, wo einen niemand kennt, drückt man dir ein frisches Brot in die Hand und sagt, man solle es halt man nächsten Tag begleichen, weil man noch keine heimische Währung in der Tasche hat.  Auch der Greißler schreibt die Summe des Gekauften einfach auf einen Zettel und ersucht, dass man halt demnächst mal mit dem Geld vorbei kommt. Selbst meine Söhne meinen, dass man sich hier etwas abschauen kann.

 

Vom Hafenkapitän in Rarotonga bekommen wir einen besonderen Tipp: das Beveridge Riff! (~20º Süd und 167º46’ West) Mitten in der Südsee, Niemandsland, aber ein Paradies, wie es nur mehr wenige gibt. Hier liegen wir sicher vor Anker, ganz alleine; eine unberührte Unterwasserwelt nur für uns, voll von Fischen, Langusten - und auch Haien. Eines Tages fangen die Jungs einen Fisch mit der Angel. Bevor sie ihn ins Beiboot ziehen können, holt sich ein Haifisch den Happen und zieht das wild schreiende Duo durch die Lagune; erst als er den Fisch durchbeißt, können auch die Burschen erleichtert wieder zur SERENGETI zurückkehren. Das war ein Abenteuer ganz nach ihrem Geschmack. Für ein paar Tage gehört das Paradies uns allein...

Die nächste große Station ist die Vavau-Inselgruppe im Norden des Inselstaates Tonga. Hier treffen wir in einer einsamen Bucht den spanischen Aussteiger "Pepe". Eigentlich heißt er ja anders, aber den spanischen Namen können die Einheimischen nicht aussprechen - also nennt er sich "Pepe". Vor 15 Jahren ist er zusammen mit seinem damals 12jährigen Sohn und seiner kleinen Yacht aus Spanien, Bilbao, hierher gekommen. Nachdem er pleite war, beschloss er sich hier niederzulassen, ob es nun den Behörden passte oder nicht. Großzügig wie die Insulaner sind, ließen sie ihn bleiben. Sein Sohn ging hier zur Schule, heiratete schließlich eine Einheimische und ist heute Lehrer in Neuseeland. Pepe selbst lebt noch immer in seiner Bucht, auf seiner kleinen Segelyacht, hält sich mit Gelegenheitsjobs und als Batikmaler über Wasser. Er baut auch gerade an einer „schwimmenden Bar“ und die Burschen helfen ihm dabei. Den ersten Kasten Bier, den er sich bei mir verdient und den er für die Eröffnung anschafft, trinkt er allerdings selbst aus - was soll´s?. Er ist ein netter und interessanter Typ, der auch bei der Jugend mit seinen Stories gut ankommt. Ich nehme an, er lebt heute noch immer zufrieden in seiner Bucht, dort in der Südsee...  

SüdseeViti Levu, die Hauptinsel von Fidschi, kommt am Horizont auf. Bis zuletzt sind wir unsicher, ob wir sie überhaupt werden anlaufen können. Bewaffnete Auseinandersetzungen im Land lassen es anfangs nicht ratsam erscheinen hier anzulanden. Nachdem ich dann aber höre, dass sich sogar Politiker zu „fact findig missions“ ins Land begeben, schließe ich daraus, dass es wohl doch nicht so gefährlich sein kann. Jedenfalls erspart es mir den Extraweg bis nach Neukaledonien, von wo die Jungs alternativ nach Hause hätten fliegen können. In Lautoka, an der Westküste von Viti Levu, legen wir uns vor Anker und verbringen noch einige geruhsame Tage mit Kino- und Restaurantbesuchen. Essen und Trinken beim Inder, gut und mehr als reichlich, kostet für vier Personen ganze 100 Schilling. Da gewöhnt man sich das Kochen an Bord ab. Auch hier klingt uns der freundliche Gruß „bola-bola“ entgegen, egal ob von jung oder alt. Nur die Schwulen sind manchmal lästig und ganz ohne Scheu. Manchmal habe ich so meine Mühe meine Jungs von ihnen fernzuhalten; ich selbst bin für sie ja gottseidank uninteressant.

 

Es kommt der Abend, wo meine Söhne und Niko wieder nach Hause fliegen müssen; eine wunderschöne Zeit ist vorbei. Ich habe mich sehr an ihre Gesellschaft gewöhnt. Während sie schon im Flieger auf den (verspäteten) Abflug warten, sitze ich noch lange alleine in der Bar am Flughafen und lasse die vergangenen acht Wochen revue passieren. Ab hier werde ich wieder mal alleine unterwegs sein – keineswegs etwas worauf ich mich jetzt sehr freue...  

 

Einhand von Fidschi nach Darwin, Australien

Zur Verbesserung meiner Gemütslage kaufe ich mir am nächsten Tag vorsichtshalber noch ein paar Flaschen schottischen Gerstensafts. Wer will schon ewig Trübsal blasen?! Durch ein Gewirr von Riffen schlängele ich mich aus dem Hochheitsgebiet von Fidschi. Hier erlebte ich übrigens wohl den aufwendigsten Bürokratismus bei der Ein- und Ausreise. Zig Formulare mussten ausgefüllt werden und es dauerte wohl eine geschlagene Stunde jedes Mal. Als es schon zu dämmern anfängt und ich mich noch immer nicht im freien Gewässer befinde, beschließe ich noch einmal in einer Bucht vor Anker zu gehen und erst am nächsten Tag die Fahrt fortzusetzen. So spät am Nachmittag sind die Sichtverhältnisse für die Riffnavigation schon zu schlecht und ich mache auch gleich eine ungute Erfahrung: Gerade habe ich den Anker auf passender Tiefe fallen gelassen, als unmittelbar neben der Serengeti ein mächtiger Korallenkopf  (bombies werden diese gefährlichen Dinger auf Englisch genannt) durch das Wasser leuchtet. Mir fährt der Schrecken in die Glieder und höre schon den Rumpf dagegen schlagen. Ich will den Anker sausen lassen um schnell von der Gefahr wegzukommen, doch dann bemerke ich mein Glück: Die Strömung treibt mich vom Korallenkopf wieder weg. Ich kann also den Anker in Ruhe wieder heben und mir dann vorsichtig einen bessern Platz suchen. Zur Beruhigung folgt ein „ordentlicher“ Sundowner (oder waren es doch einige mehr?) und ein ordentliches Mahl wird auch in der Kombüse gezaubert – "Fred Kombuse" hätte seine Freude.  Skipper Toni - um die Welt

Zuerst habe ich noch vor auf Espiritu Santo, Vanuatu, eine Zwischenlandung zu machen. Doch dann treibt es mich doch weiter, vorbei an Papua Neu Guinea und durch die Torres Straight. Natürlich kann man in Landnähe nicht so sorglos dahinziehen wie im offenen Gewässer. Da heißt es aufpassen und auch in der Nacht muss man wach bleiben, will man nicht ungewollt auf einem Riff landen. So passiert es, dass ich nachts in der Torres Straight, wo das Fahrwasser sehr eng ist, einnicke, während der Wind dreht. Als ich aus dem Halbschlaf hochfahre, sehe ich ein Riff bereits in sehr bedrohlicher Nähe vor dem Bug der Serengeti; nur ein flottes Manöver verhindert Schlimmeres. Dafür bin ich dann aber auch wieder hellwach. Das ist auch notwendig, denn nachts in der Torres Straight ist es trotz der Leuchtfeuer nicht immer eine ganz klare Sache wie es weitergeht.

An der Nordostecke von Australien holt mich wieder dichter Schiffsverkehr ein; Potte aus aller Welt ziehen an mir vorbei. Es ist nicht zu übersehen: Ich nähere mich  wieder der Zivilisation. Guter Ostwind treibt mich flott durch die Arafura-See. Etmale von 160 Meilen und mehr werden zurückgelegt; das Segeln ist ein voller Genuss und es zerreißt mir manchmal das Hemd vor lauter Freude. Nur bedaure ich, dass es mir die Zeit nicht erlaubt einige Zeit im Golf von Carpentaria zu verbringen. Da gibt es so manches interessante Plätzchen, das ich gerne besuchen würde.

Die Ankunft in Darwin, an der Nordküste von Australien, erfolgt am späten Nachmittag. In der Hafeneinfahrt kommt mir eine riesige Ölplattform entgegen; von zwei großen Schleppern wird sie zu ihrer Arbeitsposition an der Küste Nordaustraliens geschleppt. Dem Verband weiche ich in großem Bogen aus. Der Zoll hat schon Dienstschluss und ich muss mich bis zum folgenden Morgen gedulden bis ich die Zollformalitäten erledigen und zu meinem ersten kalten australischen Bier kommen kann – das ist eine wahre Tortur! Die Zollbeamten am nächsten Morgen sind freundlich aber sehr, sehr genau; sie untersuchen das Boot sogar mit einem Hund, der nach Rauschgift schnüffelt. Fleisch und Gemüse darf man nicht einführen und sogar der Müllsack wird mir abgenommen. Dennoch: es verläuft alles auf freundliche Art.  

Meinem Freund Rudi, der sich überraschenderweise entschlossen hat mich bis zu den Malediven zu begleiten, ergeht es viel ärger beim Zoll am Flughafen. Zwei Stunden lang wird er von den Beamten in die Mangel genommen: "Warum haben Sie einen Aufenthalt in Singapur gehabt und sind erst einen Tag später weitergeflogen? Warum haben Sie nur ein oneway-ticket? Woher kennen Sie den Skipper Ihres Schiffes? Was bringen Sie für ihn mit?" usw. usw. Als  man einen flammbaren zweikomponentigen Spezialkleber bei ihm entdeckt, den ich bestellt habe, ist der Ofen überhaupt aus: „Das ist ja glatt gemeingefährlich und in keiner Weise zu entschuldigen. Sie wissen doch, dass man so was nicht im Flugzeug transportieren darf!“ Ganz aufgelöst, mit einer zerrissenen Reisetasche und einigen Kartonschachteln, worin  seine rausgefallene Habe verstaut war, kommt er schließlich zum Treffpunkt „Galley“ auf der Stokes Hill Wharf  im Hafen von Darwin an. Es dauert einige Zeit bis er sich wieder beruhigt hat und wir zum angenehmen Teil übergehen können – einen ordentlichen Barbesuch inklusive.

Rudi Diethart in Darwin

Von Darwin nach den Malediven

Es bleibt uns nicht viel Zeit. Gasflaschen werden aufgefüllt, Segel von der Reparatur geholt und Proviant (etwa 6 vollgefüllte Einkaufswägen bei Woolworth) an Bord gebracht; es soll ja für mindestens neun Wochen reichen. Ach ja, und da sind noch 500 Dosen Fosters Bier und etliche Fläschchen     100 Pipers für den Sundowner und Apres-Sundowner u.s.w.. Wir wollen ja auf keinen Fall darben... Es ist ja allgemein bekannt, dass Durst viel schlimmer als Heimweh ist. Die drei australischen Zöllnerinnen, die uns diesmal in Cullen Bay verabschieden, staunen nicht schlecht über unseren "Reiseproviant".

Nur sehr schleppend kommen wir durch die Timor-See. Schwache und nicht passende Winde reduzieren unser Vorwärtskommen auf ein Schneckentempo - gerade mal 12 Meilen (etwa 20km) schaffen wir an einem besonders "erfolgreichen" Tag in 24 Stunden! Dafür gibt es viel Zeit zum Beobachten: riesige Wasserschlangen, die wir regelmäßig weit vor der australischen Küsten sehen, Schildkröten und natürlich Delphine en mass. Rudi kommt zu ersten Mal in den Genuss des Serengeti-Brots, das ich selbst backe. Roggenmehl, das mir aus Österreich gebracht wurde, macht auch schwarzes oder halbschwarzes Brot möglich – eine Köstlichkeit! Überhaupt: In all den Jahren rund um die Welt ist mir nie etwas wirklich abgegangen; hätte jedoch das frische Brot gefehlt, das ich etwa einmal in der Woche buk, es wäre ein echtes Manko gewesen. So lernt man das Brot wieder ehren! Hier in der Timor-See hatte das Brotessen allerdings unangenehme Folgen. Als ich in eine knusprige Brotkruste beiße, bricht mir ein Backenzahn ab. Unser erstes Ziel war das Ashmore Riff, nordwestlich von Australien gelegen, das bekannt ist für gutes Tauchen und Fischen. Jetzt, mit dem zerbrochenen Zahn, an dem ich mir fortwährend die Zunge aufschürfe, vergeht mir die Lust auf Tauchen sehr schnell und wir müssen unseren Reiseplan den Notwendigkeiten anpassen.

Die logische Rettung heißt Christmas Island, ebenfalls zum australischen Territorium gehörend. Obwohl die Insel optisch alles andere als umwerfend ist, so sind dafür die dortigen Menschen wahre Unikate; man muss sie einfach kennen gelernt haben. Zoll, Polizei und Gesundheitsbehörde melden sich freundlich im Radio und fragen, wann es uns passend ist, dass sie vorbeikommen... 

Das ist mir sonst nirgends passiert - erwartet man auch gar nicht. Die Formalitäten werden von den Beamten selbst in kürzester Zeit auf dem Bootsstege erledigt und dann nimmt man uns auch gleich im Polizeiauto mit zu nächsten Bar, die praktischerweise gleich neben der Polizeistation liegt. Das nennt man Service! In der Bar „Golden Bosun“ eröffnet man für Rudi und mich gleich ein "Kreditkonto" und unsere Konsumtion wird bis zu unserer Abfahrt einfach aufgeschrieben. Genauso ergeht es uns in der Pizzeria nebenan - alles NO PROBLEM! 

Es gibt auf CI keine Taxis und keine Busse, aber es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass einen jeder mit seinem Auto mitnimmt. Die Preise auf Christmas Island sind generell viel günstiger als am australischen Festland. So kostet ein Bier hier die Hälfte von dem was wir in Darwin gezahlt haben. Man versucht wohl so Leute auf diese abgelegene Insel zu locken und auch dort zu halten.

Christmas Island - CINachdem ich gleich zu Beginn in der Bar verkündete, dass ich dringend einen Zahnarzt bräuchte, geriet man gleich ins Schwärmen und erzählte mir, was für ein Glück ich hätte, dass ich ausgerechnet hierher gekommen sei. Sie hätten die beste Zahnärztin der Welt! 

Nun, anfangs tat ich dies als Wichtigtuerei ab, doch ein paar Tage später war ich selbst der größte Fan dieser hübschen englischen Zahnärztin... Am liebsten hätte ich mir noch den einen oder anderen Zahn ziehen lassen, um etwas länger bleiben zu können.

„Partir, c´est un peu mourir“ (Abschied bedeutet auch: ein wenig sterben) beschreibt jedenfalls ganz gut unsere Gefühl,  als wir diese netten Menschen von C.I. wieder verlassen müssen, von meiner Zahnärztin ganz zu schweigen....

Gute Südostwinde treiben uns flott voran zum Chagos Archipel, südlich der Malediven gelegen. Wir machen ausgezeichnete Distanzen gut, das Wetter ist anfangs optimal und wir nennen es ganz einfach „Bilderbuchsegeln“ – Genuss pur! 

Doch je näher wir zum Ziel kommen, umso mehr wendet sich Äolus, der Gott der Winde, gegen uns; für die letzten 120 Meilen vor dem Solomon Archipel brauchen wir ganze drei Tage. Der Wind bläst aus Nordwest und der SERENGETI somit genau auf die Nase. Dazu kommen noch ein paar verstreute Riffe, die es uns auch nicht gerade leichter machen. Dennoch: am 13. November erreichen wir am frühen Nachmittag unser Ziel. Die Sonne bricht durch die Wolken und wir können den ganzen Zauber dieser Inselwelt aufsaugen – wir sind im Paradies - ein Paradies wie man sich erträumt. Allerdings soll es sich in den folgenden Tagen erweisen, dass es auch im Paradies nicht nur sonnige Tage gibt.

Durch eine relativ enge Passage segeln wir in die Lagune des Solomon Archipels. Wegen der vielen Bombies (Korallenköpfe) - sehen richtig heimtückisch aus -  bergen wir jedoch schnell die Segel und motoren den Rest, während ich in den Mast steige und von dort dem Rudi Anweisungen gebe, wie er diesen Hindernissen auszuweichen hat; Augapfelnavigation nennt man das. 

Aufgrund der Sichtverhältnisse haben wir nicht viel Auswahl bezüglich der Ankerplätze und wir legen uns vor die Insel Fouquet. Die Wassertiefe hier beträgt allerdings ganze 20 Meter und so müssen wir die komplette Ankerkette von 50 Meter ausfahren und noch ein Ankertau dazu. Der Platz ist keineswegs optimal, denn der Schwell durch die Laguneneinfahrt steht genau auf uns zu (die Windrichtung ist untypisch für die Jahreszeit) und wir können uns ausmahlen, dass es bei auffrischendem Wind nicht gerade gemütlich sein wird. Als Draufgabe ist ca. 20 Meter hinter dem Heck bereits der erste Korallenkopf auszumachen; der Anker sollte also tunlichst schon halten. Wie gesagt: mangels Alternative müssen wir mal hier verweilen; ich habe allerdings die Absicht am nächsten Morgen bei besseren Sichtverhältnissen mir einen geschützteren Platz zu suchen. Soweit soll es allerdings nie kommen...

Natürlich haben Rudi und ich es eilig an Land zu kommen und eine erste Erkundungstour zu machen - und „unsere“ Insel zu besetzen. Chagos war schließlich schon zu lange in Köpfen als Paradies herum geschwirrt - wir hatten riesige Erwartungen.. Ein Dutzend Biere und eine Flasche guter schottischer Whisky, Hängematte u.dgl. werden gleich mitgenommen. Wir wollen Tauchen, Fischen, Grillen und die Tage und Nächte auf diesen Inseln und in der Lagune verbringen. 

Gleich zu Beginn eröffnen wir schon mal vorsorglich den KSBPSalomon-Archipel - Chagos - Rudi Diethart (King-Solomons-Beach-Pub); das ist eine horizontal über dem Wasser hängende Palme, die sich ausgezeichnet als Bartresen eignet. Der „Wirt“ schmeißt auch gleich eine Begrüßungsrunde für uns, und wir revanchieren uns dann natürlich auch wiederholt...

Tja, es wäre so wunderschön, wenn da nicht schon die nächsten dicken schwarzen Wolken aus Nordwest auf uns zustürmen würden. Es sieht wirklich nicht gut aus und mein Kumpel und ich müssen uns schon nach etwa einer Stunde wieder vom KSBP verabschieden und aus Vorsicht wieder zur SERENGETI zurückkehren. Es kommt auch knüppeldick, mit ordentlichen Wind bis 7 Beaufort und entsprechenden Wellen, die unserem Anker stark zu schaffen machen. Mangels Kundschaft hat das „KSBP“, nur etwa 200 Meter von uns entfernt, auch für diesen Tag geschlossen.

Auch am folgenden Tag war es zu bewölkt um durch das Bombies-Labyrinth (Korallenköpfe) zu navigieren; bei Bewölkung sieht man nämlich nicht unter die Wasseroberfläche, wo die Biester lauern. Dennoch, wir können nochmals auf „unsere Insel“ und sie diesmal auch etwas genauer begutachten. KSBP öffnet speziell für uns wieder die Pforte und lösen uns gegenseitig mit dem Ausgeben einer Runde ab... Früher hatten ja Menschen hier gelebt; diese wurden dann allerdings abgesiedelt und heute ist das Chagos-Archipel unter britischer Verwaltung. Von den Briten wurde es dann an die Amerikaner verleast, die wiederum auf Diego Garcia ihre wohlbekannte Indian-Ocean-Flotte stationiert haben. Genaugenommen ist das ganze Sperrgebiet für die Schifffahrt; die Yachties werden aber quasi geduldet. Wäre auch jammerschade wenn so ein Juwel nur zum Kriegführen missbraucht würde.

 

Auch am dritten Tag ist noch keine Wetterbesserung in Sicht; eine Front jagt die andere und in der Nacht verbringe ich so manche Stunde ängstlich auf Ankerwache und hoffe, dass Anker und Kette halten. Einem englischen Seglerpaar ist vor einigen Jahren genau hier ein Malheur passiert: Der Anker hielt nicht und ihre Yacht wurde auf die Korallenbänke geworfen und sie sank. Den beiden ist nichts passiert und mit Hilfe anderer Yachties ist es ihnen auch gelungen das Schiff wieder zu heben. In mehrjähriger Arbeit, die Ersatzteile und Proviant wurden ihnen von der Segelkommune gebracht, setzten sie ihr Boot wieder in stand und konnten schließlich auf eigenem Kiel wieder weitersegeln.

Nachdem das Paradies uns offensichtlich nicht haben will, beschließen wir uns wieder auf den Weg zu machen. Das ist leichter gesagt als getan. Wind und Wellen stehen noch immer voll auf unseren Ankerplatz und das Einbringen von Kette und Anker erweist sich als sehr schweißtreibend. Als Draufgabe verhedert sich auch noch die Kette an einem Korallenblock und will und will nicht loskommen; die hohen Wellen sorgen für heftige Schiffsbewegungen und ich habe Angst dass sie bricht. 

Die nächste Wetterfront kommt daher gebraust und wir müssen das Manöver abbrechen bis es sich wieder beruhigt hat. Ich will schon mit der Tauchausrüstung zum Anker runtertauchen, um zu sehen was los ist, doch Rudi überredet mich, dass wir es nochmals mit einigen Schiffsmanövern versuchen. Und tatsächlich: nach einigem hin und her, das viel Schweiß kostet, kommen wir plötzlich mit einem Ruck frei. Kaum ist der Anker an Bord ist auch schon die nächste (die wievielte eigentlich?) Front da, es regnet, dass wir keine 20 Meter sehen können, geschweige den irgendwo unter die Wasseroberfläche. Wir haben nur die Kompassrichtung der Einfahrt in die Lagune und auf die halten wir (vermeintlich) mit voller Kraft zu. Als der Regen nach 10 Minuten wieder nachlässt und wir wieder was sehen können, bemerken wir erst, dass wir uns überhaupt nicht weiter bewegt, sondern nur unsere Position gehalten haben. 

Wind und Regen lassen etwas nach und die Sicht ist jetzt auch wieder halbwegs. Nur jetzt keinen Motoraussetzer! Über der Sandbarre in der Einfahrt bauen sich mächtige Wellen auf, weil das Wasser hier mit 5 Metern sehr seicht ist; mit einem wilden Rodeoritt und mit ängstlichen Blicken nach links und rechts zu den nahen Riffen (ich stehen am Bug und gebe Steueranweisungen an Rudi) bringen wir endlich diese kritische Passage hinter uns – Rudi und mir steht der Schweiß auf der Stirn. Erleichtert setzen wir die Segel und setzen unseren Kurs auf die Malediven, etwa 500 Meilen im Norden. Dass ein ordentlicher Manöverschluck sofort angesagt war, braucht wohl nicht erwähnt zu werden - anscheinend trug er auch wesentlich zur sofortigen Wetterbesserung bei...

Äquatortaufe - Rudi DiethartKaum haben wir uns etwas nämlich vom Solomon Archipel entfernt, wird auch schon das Wetter  besser. Hinter uns sehen wir wie noch immer schwarze Wolkenbänke über das Archipel ziehen. Wir fühlen uns wie aus dem Paradies vertrieben - aber einen kurzen Blick hinein durften wir doch haben.

Wir wechseln von der südlichen auf die nördliche Halbkugel der Erde ohne dass wir die berüchtigten Kalmen zu spüren bekommen. Beständige Winde aus Nordwest treiben uns voran. Rudi wird zum Anlass seiner ersten Äquatorüberquerung in einem Boot zu Äquatorianer ersten Ranges getauft und erhält den aussagekräftigen Namen Rasmus-Unikatus-Darwin-Indi. Dass diese Taufe mit einigen Schikanen meinerseits und etlichen Schnäpschen seinerseits verlief, darf angenommen werden.

Malé ist wie ein Hammer für uns. Ein Flieger nach dem anderen senkt sich auf den ins Meer hinaus gebauten Flughafen. Schiffe aller Art und Größen brausen an uns vorbei. Von der Hafenbehörde werden wir in einen Hafen hineingeleitet in dem wir nichts verloren haben. Bevor wir von den vielen Dhonis versenkt werden, ziehen wir schnell wieder ab und lassen den Anker schließlich auf 40 Meter Wassertiefe fallen um hier die Einreiseformalitäten zu erledigen. Als dies endlich erledigt ist, verlegen wir uns sofort in die Nähe des Club Mediterané, nahe des Flughafens. Hier ist es, bis auf die gelegentlichen Flieger, ruhig und wir liegen in geschütztem Gewässer. Acht Wochen ist es her, dass wir aus Darwin abgesegelt sind. Viele einmalige Erlebnisse liegen hinter uns, die wir wohl beide nie vergessen werden. Jetzt müssen wir Abschied nehmen, aber es gibt ja ein Wiedersehen in Österreich. Er lernt noch meine Frau kennen, die für 14 Tage zu mir kommt, dann fliegt er zurück in die Heimat.

Es ist jetzt 10 Monate her, dass ich meine Frau das letzte Mal gesehen habe. Ich freue mich sehr sie mal wieder an Bord zu haben; es gibt viel zu erzählen. Es wird nicht allzuviel gesegelt; wir verbringen viel Zeit vor Anker in idyllischer Umgebung und lassen uns von Zeit zu Zeit in einem guten Restaurant verwöhnen auch wenn die Preise sehr übertrieben sind. Rasch vergeht diese schöne Zeit und Mitte Dezember fliegt sie schon wieder nach Wien zurück.

 

 

Mastbruch im Arabischen Meer

 

Und aus dem CHAOS sprach eine Stimme zu mir:

 „Lächle – sei froh – es könnte schlimmer kommen!“

Und ich lächelte –

 und ich war froh –

 und es KAM schlimmer !!

 

Gleich am nächsten Tag lichte auch ich wieder den Anker und mache mich, diesmal wieder alleine, auf zur nächsten Etappe nach Mina Raysut, Oman. 1400 Meilen sind es etwa bis dorthin und ich rechne mir schon aus, dass ich in spätestens 12 Tagen dort sein sollte – Silvester also sicher in Salalah. Aber es soll ganz anders kommen...

Wir (das sind Serengeti und ich) machen gute Fahrt: kein Tag unter 120 Meilen. Weihnachten steht schon vor der Tür und ich denke viel an meine Familie; ich vermisse sie sehr. Auf meinem Laptop schreibe ich ihnen laufend einen Bericht; den will ich dann per E-Mail von Salalah (Oman) abschicken. Am 22. Dezember am Morgen stehe ich in der Kajüte vor der Seekarte und rechne mir gerade aus wann ich mit der Ankunft in Oman rechnen kann. Es sieht gut aus – noch 820 Meilen – sieben Tage wenn nichts schief geht.

Doch dann geht alles schief! Um 06.20 Uhr UTC gibt es über mir an Deck einen lauten Knall, der sich wie ein Gewehrschuss anhört, und unmittelbar darauf ein grässliches Geräusch, das mir die Haare zu Berg steigen lässt . Was zum Teufel war das?!!! Ich stürme an Deck, blicke mich um und sehe – NICHTS! Buchstäblich nichts, denn dort wo normalerweise der Mast steht, ist gähnende Leere. Ich will es einfach nicht glauben, das kann doch nur ein böser Traum sein! In die Ohren zwicke ich mich und in die Nase – nur ich wache aus keinem Alptraum auf, das Deck ist noch immer leer. Wie zum Hohn lugt das unterste Stück des Mastes noch aus dem Wasser. Die Segel sind zerrissen, der Mast in der Mitte gebrochen, wie ich durch das Wasser sehen kann. Das Achterstag hat das Biminitop (ein kleines Schattendach am Heck) mitgerissen und die Backbordreling hängt gerissen über die Seite; ein Relingsfuß wurde ausgerissen. Jäh wurde die Fahrt durch das Rigg im Wasser gestoppt. Jetzt treiben wir mit den Wellen dahin und sie schlagen den Mast so kräftig gegen den Rumpf, dass ich Befürchtungen habe, die Serengeti wird demnächst leckschlagen und wir saufen ab. Mastbruch

Wo anfangen, was zuerst tun??? Ich weiß nicht wo mir der Kopf steht. Mal dreh ich mich nach links mal nach rechts mal rundherum. Wenn mich in diesem Moment jemand gefragt hätte wie ich heiße, hätte ich es wahrscheinlich nicht gewusst. Einen ersten verzweifelten Versuch mache ich, indem ich versuche den Mast mittels der Dirk aus dem Wasser zu ziehen. Es ist ein aussichtsloses Unterfangen, mit dem Widerstand von 77 Quadratmetern Segel und dem Gewicht des Riggs.

Es wird mir bald klar, dass ich das Rigg schnell loswerden muss, noch bevor sich die Lage zum Schlechteren ändert. Zur Zeit bläst es nur mit etwa 4 bis 5 Beaufort; hoffentlich bleibt es so oder wird besser. In einer Rettungsinsel wochenlang Richtung Afrika zu treiben ist nicht gerade meine Wunschvorstellung, mit Somalia als möglicher Ankunftsort. Also ran an die Arbeit: Werkzeug raus und in die Hände gespuckt! Eine Wand nach der anderen schlage ich ab, indem ich den Haltebolzen an der Pütting entferne. Nur noch einige Fallen (Leinen) halten schließlich den Mast über Wasser und ich will schon diese durchschneiden um mich vom gefährlichen Rigg zu befreien. Doch dann kommt mir eine Idee als ich den Großbaum anblicke. Der kann mir doch sehr geht als Notmast dienen! Denn das ich irgendwie weitersegeln muss, ist mir klar. Der Treibstoff im Tank reicht höchstens für zwei Tage Fahrt, ich bin aber zumindest noch sieben Tage vom rettenden Ufer entfernt.

Position: 10.55 N  066.35 E

 

Ein Notrigg mit Segel muss her!

 

Also montiere ich den Baum vom Mast ab bevor ich die letzten Fallen kappe und das Rigg langsam in der Tiefe versinkt. Ich schaue ihm noch lange nach, denn so sicher wie es weiter gehen soll bin ich mir keineswegs. Zwar habe ich eine Idee, ob sie allerdings auch funktionieren würde, das musste sich erst erweisen. Da ist so allerlei Kribbeln in meiner Magengegend. An Notruf über Funk ist nicht zu denken; mit dem Mast ist auch die Antenne verschwunden.  

NotriggDas Rigg bin ich jetzt los, doch das Debakel ist damit noch lange nicht zu ende. Nun muss ich mir schnell einen Ersatz schaffen. Den Großbaum fixiere ich an einem Ende an Deck innerhalb der Masthalterung, damit er nicht verrutschen kann. Mittels Leinen werden Wanten (seitliche Halterung) und Stage (Halterung zum Bug und zum Heck) montiert. Umlenkrollen am anderen Ende, mit eingezogenen Fallen, sollen mir das Setzen der Segel ermöglichen. Ich kann nur hoffen, dass die ganze Konstruktion auch solide genug ist und nicht beim nächsten stärkeren Wind ebenfalls über Bord geht.

Mit einem 8m²-Segel (Sturmfock), von dem allerdings höchsten 6m² wirksam werden, nimmt die Serengeti etwa 6 Stunden nach der Katastrophe wieder Fahrt auf. Sehr bescheiden, mit nur 1 bis 1,5 Knoten, aber immerhin; und vor allem: Es geht in die richtige Richtung! Es ist mir klar, dass es bei dieser Geschwindigkeit nicht bleiben kann, aber  für Tag 1 habe ich mal genug. Morgen werde ich mir was Besseres einfallen lassen. Vorerst setze ich mich mal mit meinem schottischen Freund (namens 100Pipers, single malt) zusammen, und lasse mir von ihm etwas Nettes und Beruhigendes erzählen...

Es ist der 23.Dezember, einen Tag vor Weihnachten, und die Serengeti zieht noch immer einen sehr guten Kurs. Jetzt auch schon um einiges flotter mit guten 3 Knoten (ca. 6kmh), nachdem das zusätzliche Segel (Großsegel), das ich heute montiert habe, sich sehr positiv bei der Geschwindigkeit bemerkbar macht. Langsam gewinne ich Vertrauen in meine Konstruktion; sie scheint einiges auszuhalten. Die 6 und mehr Beaufort die zeitweise wehen, können ihr nichts anhaben. Meine Chancen scheinen gut zu stehen, dass  es mich nicht nach Somalia/Ostafrika vertreibt; denn dort will ich wirklich nicht hin! SERENGETI - mit Notrigg im Arabischen Meer

Vorweihnachtliche Stimmung will am Heiligen Abend dennoch nicht recht aufkommen. Das Wrack von Serengeti, das ich dauernd vor mir habe, lässt das einfach nicht zu. Vieles geht mir durch den Kopf: Wo soll ich in dieser Gegend ein neues Rigg erhalten? Wie durch das berüchtigte Rote Meer kommen, das schon unter optimalen Verhältnissen sehr anspruchsvoll ist? Viele Fragen – keine befriedigenden Antworten. Kein Wunder, dass ich deprimiert bin. Am Abend versuche ich mich mit einem besonders gutes Essen in Stimmung zu bringen: Es gibt Potee au Chou (Fleisch, Würstel, Kraut und Gemüse) aus der Dose, mit Kochkartoffeln und Gurkensalat; als Nachspeise folgt eine Spezialität des Hauses (Bootes): Karamelpudding. Eine Flasche guten französischen Weins, die ich speziell für diesen Abend gespart habe, macht sich bei mir wohltuend bemerkbar... Unter anderen Umständen könnte man es einen gelungenen Abend nennen. Wie ich dann später erfahren habe, saß am Weihnachtsabend meine Familie bei Tisch, wobei ein eigenes Gedeck, inklusive gefülltem Weinglas, für mich bereit stand. Das hat mich sehr berührt...

Es geht wohl schon zu lange wieder problemlos. Denn am Abend des 25. Dezember, also Christtag, meldet der BBC (etwas später auch die Deutsche Welle), dass sich ein Zyklon (mit der eigenartigen Bezeichnung 0-4-B) von Indien auf mich zu bewegt; in Südindien hat er bereits beträchtliche Schäden angerichtet. Mir ziehen sich wieder die Magenmuskeln zusammen; zur Zeit habe ich nicht unbedingt das beste Nervenkostüm. Das fehlt mir gerade noch in meiner Sammlung, dass ich jetzt auch noch in die Zugbahn eines Zyklons gerate. Nachdem ich wenig Alternativen habe, packe ich zur Vorsicht mal mein Seenot-Ränzchen, mit allem was man so braucht, wenn man in die Rettungsinsel muss: Proviant. Kleidung, Angel, Medizin usw. Bange stehe ich an Deck, blicke Richtung Osten und hoffe dass es doch nicht zu dicke kommt. Es sind bange Minuten und Stunden, doch diesmal ist das Glück auf meiner Seite. Außer einen etwas stärkeren Wind merke ich vom Zyklon gar nichts; beschweren werde ich mich deshalb bestimmt nicht.

 

Je näher ich der omanischen Küste komme, umso mehr stellt sich bei mir eine Erleichterung ein. Nur nicht nach Ostafrika abgedrängt werden – das ist meine große Hoffnung. Doch der favorable Wind und meine Riggkonstruktion halten durch und so erreiche ich am 2. Jänner meinen Zielhafen Mina Raysut, Oman. Auch wenn dieser Hafen nicht der Inbegriff eines angenehmen Hafens ist, dazu ist er viel zu abgeschieden, so ist er für mich doch eine Erlösung. SERENGETI in Salalah - Mina RaysutUnd er hat auch einige entscheidende Vorteile: Der Oman ist ein für den Orient ziemlich modernes Land. Telefon und Internet sind vorhanden und funktionieren auch. In den Supermärkten bekommt man so gut wie alles was das Herz begehrt und die Gastfreundschaft der Omanis ist wohl einmalig. Es passiert nicht nur einmal, dass eine Taxifahrt mit einer Einladung zum Tee oder gar Essen endet. Autostop ist einmalig: Problemlos und man wird fast immer bis dorthin gebracht, wo man hin will, auch wenn es einen Umweg bedeutet. Der Hafen von Mina Raysut ist außergewöhnlich sauber, es gibt Duschen und gutes Trinkwasser zum bunkern. Dass es keine Hafengebühren gibt, macht den Aufenthalt um so angenehmer. Allerdings muss ich zweimal ein Visa beantragen, weil ich wegen meiner Probleme so lange im Land bleiben muss.

 

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Aus einer Mail aus Salalah, Oman:

----- Original Message -----

From: Alter Chapetto <serengeti21@hotmail.com>

To: <ernest@innonet.at>; <ernest@lion.cc>

Sent: Wednesday, January 03, 2001 12:57 PM

Subject: Desaster im INDI...

 

 

Hallo Ernesto,

 

solltest du etwas Ablenkung brauchen - auf der Serengeti wird gerade eine

"Masthand" gesucht! Jetzt staunst du was! Eine "Masthand" ?????

Ja, eine Masthand, denn...

 

Am Freitag, dem 22. Dezember 2000, zwei Tage vor Weihnacht, mitten im INDI,

auf dem Weg von den Malediven nach Oman, gab es auf dem Deck der SERENGETI

einen lauten Knall (ein Puetting war gebrochen) und Sekunden spaeter hatte

ich ein Rigg gehabt - alles lag im Wasser, das Deck leer wie eine

Tanzflaeche!

Ich bin rotiert wie ein Derwisch, wusste gar nicht wo ich zuerst anfangen

soll - EIN ALPTRAUM IST WAHR GEWORDEN !

Tatsaechlich habe ich mich mehrere Male ins Ohr gezwickt um sicherzustellen,

dass es nicht wirklich ein Traum ist - LEIDER WAR ES DIESMAL KEINER!!!!!

Dann schlugen mir die Wellen den gebrochene Mast auch noch gegen das Boot,

dass ich befuerchtete auch noch ein Leck zu bekommen und abzusaufen. Ich

habe geschuftet wie selten in meinem Leben. Ganze zwei Stunden hat es

gedauert bis ich das Rigg los hatte und es endlich in 4000m Tiefe

verschwand...

Welche Gefuehle ich waehrend dieser Zeit gehabt habe, kannst du dir nicht

vorstellen. Das Wort ALPTRAUM kommt dem ganzen am Naehsten.

 

Dann hat es nochmal etwa drei-vier Stunden gedauert, bis ich ein Notrigg

stehen hatte. Denn unter Motor konnte ich die verbleibenden 815 Meilen nach

Oman natuerlich nicht zuruecklegen. Zuerst hatte ich nur die Sturmfock oben,

aber da machte ich gerade mal so ein bis zwei Knoten Fahrt. Einen Tag

spaeter habe ich mir noch was einfallen lassen und auch noch die Arbeitsfock

irgendwie gesetzt. So konnte ich Etmale von 60 bis 70 Meilen machen, wenn

der Wind passte. Das ist fuer ein Notrigg nicht schlecht und alles in allem

hatte ich Glueck.

 

Dennoch, Weihnacht und Silvester verbrachte ich alleine mitten auf dem INDI.

Waere ja sonst nicht so schlimm, aber wenn ich das Wrack Serengeti so vor

mir sah, da kamen mir die Traenen... ES WAR EINE BESCHISSENE ZEIT!!! Ich

konnte es kaum erwarten in Oman anzukommen!

Gestern, am 2.1., hatte ich es dann geschafft!

 

Das Lied ist jedoch natuerlich noch lange nicht zu Ende. Denn wo krieg ich

hier im Orient ein neues Rigg her??? Hier gibt es weit und breit keine

RIGGER.

Vorerst muss ich die Sache mit der Versicherung klaeren. Dann werden wir

weitersehen. Jedenfalls steht mir einiges bevor!!!!! Es wird wohl eine

zeitlang dauern bis ich hier wieder den Anker lichten kann.

 

Dir und Helga schoene Gruesse aus dem Orient.

Lass wieder hoeren.

 

TONI (frustriert)

SY Serengeti (in Traenen)

Salalah, Oman

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Es folgen fast acht Wochen Aufenthalt in Oman. In dieser Zeit lasse ich die Serengeti aus dem Wasser heben und überprüfen, ob das Unterwasserschiff Schaden erlitten hat. Per E-Mail nehme ich Kontakt mit meinen Freunden in Österreich auf; viele von Ihnen unterstützen mich moralisch und mit Rat und Tat. Ich muss grundsätzlich die Frage lösen: Ob ich mit Notrigg weiter segle oder ob ich die Serengeti auf ein Frachtschiff setze und nach Zypern bringen lasse. Anderen Yachten, ebenfalls auf dem Weg ins Rote Meer, gesellen sich im Hafen dazu. Darunter auch ein Katamaran aus den Vereinigten Staaten, der ebenfalls den Mast verloren hat. Es gehört einem 72jährigen Amerikaner, der mit seiner jungen Frau und 5jährigem Sohn unterwegs ist. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid - und so sprechen wir uns beide Mut zu und beschließen auch mit eigener Kraft nach Europa zu gelangen.

Ein anderes Problem hat sich ergeben: Ein französisches Paar, eben mit ihrer Yacht durch das Rote Meer in südlicher Richtung gesegelt, erzählt von einem Piratenüberfall vor der Jemen-Küste. Genau am Christtag wurden sie mit Gewehrschüssen gestoppt; die Yacht wurde geentert und sie um einige wertvolle Habe erleichtert. Wenigstens ist ihnen beiden nichts Böses widerfahren. Jetzt überlegen alle Yachties krampfhaft was denn die beste Taktik wäre den Piraten zu entkommen. Entlang der Küste oder weiter draußen im offenen Mehr, alleine oder im Verband in Richtung Bab el Mandeb (Tor der Tränen), dem Eingang zum Roten Meer? Eines Abends kehre ich gegen 2200 aus der Stadt Salalah zurück zum Boot. Der Hafenjunge Binjam, der mir gelegentlich bei Arbeiten am Boot hilft, läuft schon ganz aufgeregt am Ufer entlang. Ich müsse schnell kommen, denn die Serengeti würde sonst bald am Ufer Schaden nehmen. Und tatsächlich: Eine Segelyacht eines Amerikaners hat sich wegen starken Winds selbständig gemacht, infolge dann einer Motoryacht den Anker ausgerissen und beide sind sie auf die Serengeti getrieben, deren Anker natürlich drei Boote nicht halten kann. Ganze zwei Stunde brauche ich mit Unterstützung von Binjam um Leinen zum Ufer auszubringen und die drei Boote so abzusichern, dass sie bis zum Morgen nicht ans Ufer getrieben werden.

 

 

 

Ende Februar geht es endlich mit etwas verbessertem aber sonst identischem Notrigg weiter zum Tor der Tränen, dem Eingang ins Rote Meer. Schwache Winde zwingen mich die erste Etappe nach Al Mukalla in Jemen zu motoren. Knapp vor meinem Ziel nicke ich in der Nacht in Küstennähe ein und erwache mit einem Ruck als die Serengeti plötzlich einen Schlag bekommt und ein grässliches Geräusch in meine Ohren dringt. Als ich im Cockpit hochfahre, sehe ich ein weißes Licht an der Backbordseite entlang gleiten. Das Glück ist auch diesmal mit mir, es ist kein Schaden an der Serengeti entstanden weil es nur ein kleines Fischerboot war.

In Al Mukalla treffe ich einige Segelfreunde, die ich aus Mina Raysut kenne. Sie sind im Verband losgesegelt und jetzt herrscht einige Aufregung. Drei Schiffe aus ihrem Konvoi hatten beschlossen sich alleine abzusetzen und ihre eigene Route zu fahren. Jetzt hatte man über Funk erfahren, dass der englische Katamaran „Ocean Swan“ mit Jeff und Chrissie an Bord nur einen Tag von Al Mukalla entfernt und ganz in Küstennähe vom Piraten überfallen wurde. Ihr Boot wurde beschossen und das Rigg beschädigt. Der Frau von Jeff wurde ein Messer an die Kehle gesetzt und auf diese Weise Geld erpresst, das sonst nicht gefunden worden wäre. Natürlich verloren sie auch viel von ihrer Ausrüstung. Kein Wunder, dass die beiden mit den Nerven fertig sind.

Al Mukalla ist eine Stadt wie aus Tausend und eine Nacht; die Zeit scheint vor langer Zeit stehen geblieben zu sein. Am Nachmittag trifft man Qat kauende Männer an allen Ecken; diese grünen Blätter haben eine berauschende Wirkung. Man steckt sich einen ordentlichen Knödel dieser Blätter in eine Backe; mit dem getrunkenen Tee gelangen die Säfte nach und nach in den Magen und lösen das Wohlgefühl aus. So sitzen sie stundenlang da und reden über alles und nichts. Vernünftige Gespräche oder Leistung darf man dann von diesen Leuten allerdings nicht erwarten. Der Geruch orientalischer Gewürze liegt in den Gassen, Hammelfleisch am Spieß ist wohlfeil zu haben; CocaCola allerdings auch schon.

Nach drei Tagen hole ich den Anker ein und setze die (bescheidenen) Segel. Ziel: Bab el Mandeb, die südliche Einfahrt ins Rote Meer - aus der Sklavenzeit auch als "Das Tor der Tränen" bekannt. Je näher ich dieser Enge komme, umso mehr frischt der Ostwind auf und als ich mich durch die Small Straight ins Rote Meer schwindle, geben mir 4 bis 5 Meter hohe Wellen einiges zu tun. Dass dabei auch mein eben werdendes Mittagessen draufgeht weil die ganze Chose auf dem Kajütenboden landet, sei nur nebenbei erwähnt. Ein bisschen Diät kann mir schließlich nicht schaden... Jedenfalls ist das Gefühl, endlich im Roten Meer zu sein, endlich Kurs Nord, ein seeeeehr gutes. Auch wenn man weiß, dieses Eck so sein Tücken hat. Die Heimat liegt jetzt wirklich vor dem Bug – EUROPA WIR KOMMEN !!!

Vorerst habe ich die Absicht meine nächste Station in Eritrea zu machen. Es soll ein sehr interessantes Land mit italienischem Flair sein. Doch dann lässt mich die neue Wettersituation doch anders entscheiden. Bei Kurs auf Eritrea hätte ich die starken Wellen voll auf die Backbordseite, was erstens das Material beanspruchen würde und zweitens meine Nerven. Außerdem machen wir auf direktem Nordkurs die beste Fahrt und somit viele Meilen gut, was mir sehr gelegen kommt. Man soll das Wetter nützen so gut man kann, und in meiner Situation, mit dem Notrigg, trifft das um so mehr zu.

Nur auf den Schiffsverkehr muss ich zeitweise sehr achten; hier ist mächtig viel los in beide Richtungen und man kann sich nicht unbedingt darauf verlassen, dass die großen Brüder so ein kleines Bötchen auf ihren Radarschirmen auch sehen. Bei den Abu Ali Inseln, zu Jemen gehörend, erwischt mich mal wieder so eine Freakwelle. Ich verspeise gerade mit Genuss das letzte kleine Stückchen Speck aus der Heimat, als die Serengeti einen mächtigen Schlag auf die Backbordseite bekommt. Mich katapultiert es quer durch die Kajüte und lande unsanft auf dem Navigationstisch, wo ich mir eine ordentliche Prellung hole. Das kleine Speckstückchen fliegt auch durch die Luft (neben einigen anderen Utensilien), landet zwar um einiges sanfter als ich, dafür aber genau auf dem Hauptschalter für die gerade laufende Maschine und löst diesen aus. Folge: Die Dioden der Lichtmaschine brennen durch und die Serengeti ist ohne Stromversorgung; von den vollen Batterien einmal abgesehen. Aber der Weg nach Port Sudan ist noch lang und ich muss ab sofort äußerst sparsam mit dem Stromverbrauch umgehen, damit ich nicht zum ungeeignetsten Moment ohne Saft bin.

Zwei Tage vor Port Sudan, ich mache mir gerade in der Kajüte eine Jause, zieht plötzlich ein sudanesisches Frachtschiff so dicht an meinem Heck vorbei, dass es mir die Haare zu Berg steigen lässt. So genau will ich gar nicht wissen wie knapp ich unter seinem Bug durchgefahren bin. Ich hatte zwar Vorfahrt, aber wer wüsste das schon, wenn ich am Meeresgrund wäre.

Aber wie sagt man so schön: Navigation ist, wenn man trotzdem ankommt! Ohne weitere Probleme gelange ich nach Port Sudan. Schon am ersten Tag treffe ich wohl den einzigen Sudanesen der selbst eine Segelyacht hat. Diese liegt gleich meiner Serengeti. Mit einem Beiboot kommt er vorbei und befragt mich nach meinem Malheur mit dem Mast. Ich erzähle ihm die Geschichte und auch, dass ich einen Schiffselektriker für meine Lichtmaschine brauche. Er verspricht mir sofort, dass er mir am nächsten Morgen verlässliche Leute vorbei schickt. Anderweitig würde man mich sicherlich übers Ohr hauen. Mit reichlicher Skepsis nehme ich dieses Versprechen auf, doch es gibt eine angenehme Überraschung. Tatsächlich erscheinen am nächsten Morgen zwei Sudanesen, die sich die Sache mal anschauen. Sie sagen mir aber gleich, dass sie nicht die eigentlichen Fachleute wären sondern ein Freund von ihnen. Mit dem wollen sie etwas später zurück kommen. Und so ist es auch: Sie kommen mit dem Schiffselektriker, der baut die Lichtmaschine aus und sie bringen sie in die Werkstatt. Drei Stunden später sind sie wieder zurück, das gute Stück wird wieder ordentlich eingebaut und funktioniert auch einwandfrei. Und das Beste: Sie wollen keinen Dollar annehmen, denn ich sei ja der Freund von Bashir. Ich schenke dem Elektriker einen neuen und einen gebrauchten Overall; er freut sich wie ein Kind. Ich will sie alle auch zu einem Essen einladen, doch trotz aller Bedingungen kommt es nicht dazu. Sie haben eben ihren Stolz, diese Sudanesen, wenn auch nicht unbedingt alle.

 

Der Markt von Port Sudan ist ein Erlebnis. Hier ist die Zeit stehen geblieben (ich kenne es von einem Besuch vor 20 Jahren); er ist von früh bis spät geöffnet und man bekommt alles, von Obst, Gemüse und Kleidung bis zum Fleisch. Das hängt allerdings nicht gerade appetitlich im Freien und die Fliegen haben ihre Freude daran. Nachdem ich meine Vorräte wieder aufgefüllt habe, die Serengeti wieder in Ordnung ist (na, so halbwegs halt), nehme ich wieder Kurs Nord, diesmal schon mit dem Ziel Suez, Ägypten. Ab hier habe ich mit widrigen Winden aus dem nördlichen Sektor zu rechnen; so flott wie im südlichen Roten Meer wird es nicht weiter gehen. Aber wenn Rigg und Motor durchhalten, werden wir auch diese Etappe irgendwie schaffen.

Und so ist es auch. Es gibt einige Tage wo wir kaum Distanz gut machen, aber nachdem ja niemand in Ägypten auf mich wartet, ist es nicht so wichtig ob ich einen Tag früher oder später ankomme. Was zählt  ist, dass ich ankomme! Dieser Abschnitt hat viele verlockende Ankerbuchten, doch wie schon im südlichen Teil lasse ich sie alle an Backbord liegen. Mein primäres Ziel ist es die Serengeti so gut und so sicher  wie möglich nach Suez bringen. Nur das zählt wirklich. Vor Suez liegt noch Safaga, wo ich für einige Tage ausspannen will.

 

Als ich nach mehreren Tagen am späten Nachmittag nach Safaga, südliches Ägypten, komme, ist die Sicht wegen der tiefstehenden Sonne schon schlecht. Die Seekarte gibt etwas vor, was sich in Realität als falsch erweist und ich bleibe an einer Untiefe hängen. Gut dass ich sehr langsam unterwegs war. So nehmen wir keinen Schaden und ich schaffe es schließlich auch wieder flott zu kommen. Einen neuerlichen Versuch durch die enge Passage zu kommen will ich erst am nächsten Tag bei guten Sichtverhältnissen wagen und so lege ich mich für die Nacht  vor Anker und freue mich, dass wieder ein gutes Stück Rotes Meer hinter mir liegt.

Am nächsten Morgen sehe ich erst wie eng das Fahrwasser wirklich ist; kein Wunder das ich aufgelaufen bin. Am Ankerplatz vor dem Paradise Hotel treffe ich wieder einige Boote die ich schon von Oman her kenne. Wir haben es bald geschafft und so gibt es eine schöne Wiedersehensparty, mal auf dieser Yacht mal auf jener.

Ich bleibe einige Tage und geniese die Zivilisation. Aber als sich wieder ein gutes Wetterfenster ergibt, lichte ich doch schnell wieder den Anker: Kurs Suez. Mein kaputtes Schiff lässt mir keine Ruhe; ich will es schnellstens in eine Werft bringen und wieder so sehen, wie eine Segelyacht aussehen soll. Nicht mit diesem lächerlichen Stummel von „Mast“.

Der letzte Abschnitt im Roten Meer beginnt. Vorbei an den vielen Bohrtürmen im Golf von Suez; ich atme die verpestete Luft, zum Teil verursacht durch das vielfache Abfackeln von Bohrgas. Das Wasser ist schmutzig und es wird mir bewusst welche Opfer die sogenannte „Zivilisation“ der Natur abverlangt. Wenn ich da an die kristallklaren Gewässer des Südens denke...

Suez ist der letzte große Treffpunkt der Yachties im Roten Meer. Hier rastet man sich aus und freut sich, das berüchtigte Revier hinter sich zu haben.  Mal wieder ein schönes kaltes BLONDES, ein Essen, das nicht von der Bordküche stammt.

 

Inhalt einer Mail über den Segelabschnitt ROTES MEER:

To: …

            Sent: Mittwoch, 23. Mai 2001 08:44

            Subject: verspäteter Reisebericht Salalah - Suez (der LAPTOP war

            schuld, natürlich!!!)

 

 

            Hallo ...

            

            hier ein kleiner Bericht über die letzte Etappe von Salalah nach

            Suez...

            

            Nun, Tatsache ist, ich stehe derzeit vor dem Suezkanal und warte auf

            entsprechendes Wetter im Mittelmeer. Eilig hab ich es ja nicht

            besonders, und so lass ich es mir hier mal gut gehen.

            

            Viele andere Boote, die ich seit Salalah getroffen habe, sind auch

            hier. Einige sind allerdings schon weiter gefahren; sie konnten es

            nicht erwarten. Andere wiederum habe ich glatt überholt.

            

            Hier ein kurzer Bericht wie es seit Salalah verlaufen ist:

            

            Am 22. Feber bin ich von Oman abgesegelt, oder abgemotort, wie man

            will. Viel Wind gab es jedenfalls bis zu BAB EL MANDEB nicht, dann

            dafür umso mehr!

            

            Der erste Stop war in Mukalla, in Jemen. Eine Stadt wie aus

            1000+1Nacht; nur sieht sie in Wirklichkeit viel schmutziger aus.

            Dennoch, das gehört dazu. Die Menschen wie vor hundert oder mehr

            Jahren. Fernsehen erst im kommen und daher haben die Leute noch viel

            Zeit für einander. Ziegen, Kamele, Katzen und anderes Getier lebt

            hier Seite an Seite mit den Menschen – um den Dreck kümmert sich

            kaum jemand...Gerade auf der „Hauptstrasse“ sieht man von Zeit zu

            Zeit die eine oder andere armselige Gestalt, die sich bemüht das

            Ärgste wegzuräumen.

            Ich war in einer Schmiede; da arbeitet man noch mit Handblasbalg und

            ausschließlich mit sauberer Muskelkraft. Keine Maschinen in welch

            immer Form! „Supermärkte“ haben die Größe von kleinen Trafiken in Ö.

            Dennoch: die Menschen sind freundlich und neugierig, wenn es auch

            viele Bettlerinnen gibt. Erstaunlicherweise kaum Männer; dafür sind

            die Frauen umso aufdringlicher. Die Südjemeniten mögen die

            Nordjemeniten jedenfalls noch immer nicht. Sie behaupten, dass all

            das Schlechten aus dem Norden kommt – selbst die Fliegen!

            

            Bei der „Immigration“ waren wir mit einem katkauenden Typ mit

            glasigen Augen konfrontiert, der mehr am BAKSCHISCH interessiert war

            als an seiner Arbeit. Ich habe ihm ein Päckchen Zigaretten gegeben

            und er meinte doch glatt, dass die schon alt wären und daher

            krebsgefährdend. Gleichzeitig hat er seinen augenblicklichen

            Glimmstengel bis zum Filter (und darüber) ausgeraucht... Ein Typ der

            nur aus Haut und Knochen bestand.

            

            Aber Überraschung: in Mukalla gibt es ein Kommunikationszentrum, das

            sich sehen lassen kann. Das gibt es nicht einmal in dem sonst viel

            moderneren Salalah in Oman. Es ist sauber, gut organisiert, wo man

            neben Intenet auch Telefonieren und Faxen kann; alles zu recht

            akzeptablen Gebühren.

            Unter den Seglern gab es einige Aufregung, weil ein uns gut

            bekanntes Segelboot vor ein paar Tagen (also so um den 22. Feber) so

            60 Meilen südwestlich von Mukalla von Seeräubern überfallen (das

            Boot wurde durch Schüsse beschädigt) und ausgeraubt wurde. Der Frau

            wurde sogar ein Messer an den Hals gesetzt um Geld zu erpressen.

            Jedenfalls war das englische Ehepaar nervlich recht geschafft und

            verbrachte längere Zeit in Aden und Djibouti um sich vom Schrecken

            zu erholen. Ich kenne sie gut aus Salalah.

            Jedenfalls wurde meinen Segelfreunden in Mukalla vom Hafenchef

            versprochen, dass man ihnen eine „Polizeieskorte“ mitgeben würde.

            Auf dem halben Weg nach Aden sollte es sogar einen fliegenden

            Wechsel mit einem Polizeiboot aus Aden geben. Tatsache war dann,

            dass zwar am ersten Tag wohl ein kleines Boot mit einigen wild

            dreinschauenden Typen auftauchte, am spätere Nachmittag, gegen 1700

            Uhr, sich aber stillschweigend wieder verabschiedete und entschwand.

            Von einer Ablöse natürlich keine Spur.

            

            Ich blieb alleine noch drei Tage in Mukalla, bevor ich mit meiner

            eigenen Piratenstrategie startete. Recht weit setzte ich mich von

            der Küste ab, und passierte in der Nacht, total ohne Lichter, die

            gefährlichste Piratenstrecke von Jemen; jedenfalls den Küstenteil,

            wo sich die beiden mir bekannten Überfälle ereignet hatten.

            Anscheinend hab ich es ganz gut erwischt, denn außer dem einen oder

            anderen Großschiff sah ich kein Bötchen weit und breit. Apropos

            Bötchen: noch vor Mukalla bin ich nachts mit einem kleinen

            Fischerboot zusammengestoßen. War wohl meine Schuld, weil ich

            eingepennt bin; die Serengeti hat sich eine schöne Schramme geholt

            und war mir lange sehr böse...(wie halt Frauen so sind!)

            Also, weiter in Richtung Bab el Mandeb (Tor der Tränen) am Anfang

            des Roten Meeres. Bis dorthin hatte ich kaum Wind und ich war die

            längste Zeit mit Volvi unterwegs. Doch als eben Bab el Mandeb in

            Sicht kam, da legte auch der Wind einen anderen Gang ein: recht

            hurtig ging es durch die KLEINE PASSAGE, mit kräftigen achterlichen

            Winden. Meist zu achterlich, so dass ich Probleme mit meinem Notrigg

            und Segeln hatte. Einmal, bei den Abu Ali Inseln, erwischte mich

            eine FREAKWELLE (es wehte so mit 8-9 Bf); einige Dinge in der Kajüte

            bekamen Flügel und sausten durch die Gegend. Der letzte Rest eines

            Speckstücks (kaum zu glauben) schaffte es tatsächlich genau auf den

            Hauptschalter für den Motor zu fallen und diesen umzulegen. Das

            Resultat war: durchgebrannte Dioden im Alternator, und die Serengeti

            somit ohne Stromversorgung. Nachdem es noch etliche Tage bis Port

            Sudan waren (Massawa in Eritrea ließ ich wegen des vorherrschenden

            Wetters aus), musste ich notgedrungen den Stromverbrauch wieder

            einmal auf Null reduzieren, das heißt, ich war in der Nacht wie ein

            Geisterschiff unterwegs.

            

            Dennoch, fast hatte ich es bis Port Sudan geschafft, wo ich den

            Alternator reparieren lassen wollte, als ich beinahe Opfer eines

            sudanesischen Dampfers wurde:

            Bei Tag und ausgezeichneten Sichtverhältnissen rauschte auf einmal

            das Riesending knappest am Heck der Serengeti vorbei, als ich gerade

            in der Kajüte war (ja, ich weiß schon...). Vor Schreck stellten sich

            mir die noch verbliebenen Haare auf und es wurde recht feucht

            zwischen den Arschbacken! Ich möchte nicht zu genau wissen, wie

            knapp ich unter dem Bug des Dampfer durch bin... Wegerecht hätte ich

            ja wohl gehabt, nur wer hätte das schon gewusst, wenn ich mich mal

            in ein paar hundert Meter Wassertiefe befunden hätte!

            

            Auf den Schreck legte ich mal eine neuntägige Künstlerpause in Sudan

            ein. Der Hafen ist total neu und wird aggressiv ausgebaut, so dass

            ich nichts mehr erkennen konnte, was ich vor ca. 20 Jahren gesehen

            hatte. Kein Stein blieb am anderen.

            Dafür ist die Stadt selbst noch die alte. Da hat sich nichts

            geändert und es wird sich auch nicht so schnell was ändern.

            Beim Abkassieren kennt man sich zumindest bei den Hafenbehörden und

            Agenten gut aus: für 9 Tage Aufenthalt vor Anker ohne irgendwelches

            Service, zahlte ich 127 USDollar. Andererseits wurde mir der

            Alternator recht günstig gemacht. Mal so mal so.

            

            Ab Port Sudan erwischte ich wieder ein recht gutes Wetterloch und

            schaffte die Strecke nach Ägypten, Safaga, mit Kampf aber in einem

            Stück in vier Tagen. Dafür blieb ich dann gleich bei der Ankunft in

            Safaga bei schon schlechter Sicht am Nachmittag bei der engen

            Durchfahrt an einem Korallenriff hängen – es war halt doch nicht so

            schön breit wie es die Seekarte vorgaukelte.

            Auf den Schrecken hin warf ich gleich den Haken und ankerte an Ort

            und Stelle. Am nächsten Morgen wollte ich es bei guter Sicht wieder

            versuchen; doch da blies es recht ordentlich und ich hatte keine

            Lust mich bei den Verhältnissen mit dem Anker zu plagen; ich wollte

            abwarten, dass der Wind nachlässt. Doch die Hafenbehörde hatte was

            dagegen: sie schickten nicht gerade ein Kanonenboot, aber ein

            ordentliches Stahlboot war es dennoch, so dass mir Angst und Bange

            um das Serengeterl wurde. Ich hatte alle Hände voll zu tun, das

            Rostding von meinen Planken fernzuhalten.

            Nachdem ich denen erklärt hatte, dass ich bei dem herrschenden Wind

            alleine den Anker nicht heben konnte, wollte man mir nämlich einen

            Gehilfen rübergeben. Das gelang schließlich auch ohne besondere

            Schäden an meinem Bötchen. Der Anker wurde geborgen und der Gehilfe

            stieg wieder auf recht abenteuerliche Weise auf das Hafenboot über.

            Ohne wieder Bekanntschaft mit den Korallen zu machen (es war

            wirklich eng da, wie man bei gutem Tageslicht jetzt sehen konnte,

            und keineswegs verwunderlich, dass ich aufgelaufen war), schaffte

            ich die Passage zum Safaga Paradise Hotel, wo alle Yachties auf

            Reede liegen. Es gab wiedersehen mit etlichen Booten, die ich

            kannte. Deutsche, Engländer, Amerikaner, Franzosen, Australier,

            Neuseeländer u.v.m.

            

            Safaga ist ein Hafen und ein Touristenplatz, aber kein

            empfehlenswerter. Kann sein, dass das Tauchen hier gut ist.

            Jedenfalls gibt es eine Menge Tauchboote. Viele scheinen in

            deutscher Hand zu sein.

            Abgesehen davon, dass man wieder einige Annehmlichkeiten der

            Zivilisation hatte, ist Safaga aber recht fad. Ein kaltes Bier und

            ein gutes Essen (nur weg von der Bordküche!) waren dennoch sehr

            willkommen. Und etwas ausspannen tat auch gut.

            Ich wollte eigentlich noch etwas länger bleiben, doch dann war da so

            ein vielversprechendes Wetterfenster für den Golf von Suez, dass ich

            die Chance nützen wollte -  es ist nicht lustig, bei hartem Nordwind

            in Richtung Norden zu segeln.

            Es war auch so zeitweise mühsam, aber alles in allem kam ich gut und

            ohne besondere Probleme voran. Die vielen Bohrtürme im Golf sind

            natürlich vor allem in der Nacht was Feines: das schaust du dir die

            Augen aus dem Kopf um nur ja nicht irgendeine unbeleuchtete

            Plattform zu übersehen – sehr lustig! Ich wundere mich noch immer,

            dass da nicht öfters ein Großschiff wo reinkracht... Also, viele

            Bohrtürme, Schiffe nonstop, dreckiges Wasser, ein schwazbrauner

            Smogteppich über dem ganzen Golf und zeitweise ein Gestank, dass man

            kaum atmen wollte.

            In anderen Worten: DER GOLF VON SUEZ IST EIN PLATZ ZUM VERWEILEN!

            

            Dennoch: irgendwie hab ich mich da durchgemogelt, Volvi ließ mich

            nicht in Stich, und  ich bin auch nicht eingeschlafen

            (wahrscheinlich hielt mich die Schiss wach!). Aber nach zwei Tagen

            war ich doch froh, das Ganze hinter mir zu haben, als ich endlich

            durch den Smog die Umrisse von Suez erkennen konnte.

            Der Ankerplatz hier ist voll mit Yachten, die wie ich auf besseres

            Wetter im Mittelmeer warten; bis dorthin trennen uns noch 100 Meilen

            durch den Suezkanal, die normalerweise in zwei Tagesetappen

            zurückgelegt werden...

            

            ABER DAS IST DANN WIEDER EINE ANDERE GESCHICHTE...!!!!!

            

            Herzliche Grüße ...

            

            TONI

            SY Serengeti

            Suez, Ägypten

            

            P.S.: Ein Russe ist auch hier. Der wollte gegen Süden mit seinem

            Boot; hat nicht einmal ein Beiboot dabei (!!), und jetzt, nach einem

fatalen Motorschaden, kehrt er wieder um nach Norden – ist doch nicht ganz sein Bier!

 

 

*******************

            

Eine kleine, sehr spartanisch eingerichtete russische Segelyacht liegt auch hier vor Anker. Eigentlich wollten sie ja nach Süden, doch dann gab es gravierende Motorprobleme und sie kehrten wieder um. Sie haben nicht einmal ein Beiboot mit und schwimmen deshalb immer zum Ufer oder zum Boot zurück. Wenn sie allerdings Proviant transportieren müssen, sind sie auf die Hilfe anderer Yachten angewiesen. Jedenfalls will die Reparatur ihres Motors nicht und nicht gelingen, obwohl sie schon viel Geld investiert haben. Sie wollen wieder zurück nach Russland, doch noch wissen sie nicht wie, denn wenn man sie durch den Kanal schleppen muss, kostet das mindestens 3000 Dollar, und Dollar sind auf diesem Boot Mangelware.

  Suezkanal

Meine Passage durch den 100 Meilen langen Kanal läuft problemlos ab. Beeindruckend sind die Ozeanriesen, die knapp an uns in die eine oder andere Richtung ziehen. Die Fellachen mit ihren kleinen Fischerbooten und deren primitiven Segeln. Sie kommen knapp an die kleineren ägyptischen Frachten herangerudert, werfen eine Leine rüber und lassen sich ein Stück des Weges ziehen; oft sind es bis zu fünf Fischerboote, die so wie an einer Perlenschnur hintereinander hängen. Das Leben muss für diese Menschen schon sehr mühsam sein.

 

 

Endlich – Port Said – ich bin im Mittelmeer! Es ist zwar schon wieder späterer Nachmittag, aber nachdem Wind und Wetter günstig stehen, setze ich nur den Kanallotsen auf ein anderes Boot ab und setze meine Fahrt ohne Stop fort. Irgendwie drängt es mich weiter.

Vor Port Said liegen duzende Schiffe auf Reede und warten auf ihre Durchfahrt ins Rote Meer. Ich kann mich nicht entsinnen ob ich je mehr Schiffe auf einem Fleck gesehen habe. Alle Nationen und alle Typen von Schiffen sind vertreten, vom Supertanker bis zum Spezial-Autotransporter und natürlich die Containerschiffe. Ich schlängele mich zwischen ihnen durch und bringe den Bug der Serengeti, als wir wieder freies Gewässer haben, auf Griechenlandkurs.

  Suez

Es ist ein ganz besonderes Gefühl wieder in „heimatlichen Gewässern“ zu sein, wenn man so lange unterwegs war. Es ist wie wenn man nach vielen Jahren Abwesenheit wieder auf sein heimatliches Dorf zugeht – da tut sich was Besonderes im Inneren. Auch im Mittelmeer heißt es gut aufpassen, denn der Schiffsverkehr ist recht stark. Anfangs habe ich gute Winde aus Ost und wir machen gute Fahrt.

Doch bekanntlich halten gute Dinge nicht an und bald stellt sich ein ordentlicher Nordwester ein der auch entsprechende Wellen mit sich bringt. Ich lasse also Kreta Kreta sein und bleibe auf westlichem Kurs südlich dieser griechischen Insel. Neue Destination: Der griechische Hafen Pylos am Peloponnes. Offensichtlich will Äolus dem Heimkehrenden zeigen, dass man auch in Europa manchmal mit launischen Götter zu kämpfen hat. Satte neu Beaufort machen mir bei der Einfahrt nach Pylos reichlich zu schaffen. Das Notrigg mit seinen missbrauchten Segeln ist halt nicht so leicht zu handhaben wie ein normales Rigg. Dennoch: Wir sind da – wir sind endgültig in Europa angekommen.

Nach einigen Tagen Rast und Beschaulichkeit setze ich die Fahrt nach Korfu fort, wo ich am Sonntag, dem 28. April, kurz nach Mitternacht mein Kielwasser von 1998 kreuze. Die Weltumsegelung ist vollbracht! Es ist für mich ein sehr bewegender Moment, als ich im kleinen Hafen südlich der Festung von Korfu-Stadt in den frühen Morgenstunden festmache: Ein großer Traum ist in Erfüllung gegangen, aber dieser Traum ist auch für immer verloren. Auf der Mole des NAOK-Clubs knie ich mich nieder und lasse in einigen Minuten die vergangenen drei Jahre auf See im Zeitraffer passieren...

Aus einer Mail aus Korfu, Griechenland:

----- Original Message -----

From: Alter Chapetto <serengeti21@hotmail.com>

To:  :::

Sent: Sunday, April 29, 2001 3:56 PM

Subject: 360 Laengengrade liegen hinter der SERENGETI...

 

 

Am 29. April, kurz nach Mitternacht, kreuzte die Serengeti das eigene

Kielwasser vor fast drei Jahren vor der Suedspitze von Korfu. Irgendwie tu

ich mir schwer das zu begreifen - ABER SO IST ES.

 

Mein Gefuehl? Einerseits ein einzigartiger, in Erfuellung gegangener

Traum, andererseits aber auch ein verlorener Traum!

 

Bis bald in Oesterreich!

 

TONI

SY SERENGETI

Korfu, GR

*******************

Auf der Fahrt von Pylos nach Korfu gab es noch eine Schrecksekunde: Mitten in der Fahrt, ganz ohne erkenntlichen Grund, setzte mein treuer Freund „Volvi“, so nenne ich meinen Dieselmotor, aus. Schlagartig, einfach so. Alle Überprüfungen ergaben nichts, und als ich aus lauter Verzweiflung nochmals den Zündschlüssel drehte, sprang er auch sofort wieder an und lief als wäre nie etwas geschehen. Da kenne man sich aus!

Schon am 2. Mai heißt es wieder „Leinen los“ im NAOK- Hafen von Korfu und mein allerletzter Schlag nach Izola in Slowenien beginnt. Äolus und die Meeresgötter sind mir wieder einmal wohlgesinnt: In nur fünf Tagen schaffe ich die Strecke nonstop, vorbei an mir wohlbekannten Punkten wie Vis,  und Porer an der Südspitze Istriens, bis Piran, wo ich ein letztes Mal einklariere. Dann noch ein kurzer Sprung rüber nach Izola, und am 6.Mai um 14.30 Uhr liegt meine Serengeti schon sicher vertäut in der dortigen Marina.

Die Weltumsegelung ist vollbracht – ein Traum ist zu Ende ! Aber auch: ICH BIN WIEDER DAHEIM !  

 

Wer keine Träume mehr hat, ist schon tot - er weiß es nur nicht ! 

 

Segeln mit österreichischem Weltumsegler in den schönsten Revieren Kroatiens !

Segeln Sie doch mit!

Weitere Informationen erhalten Sie auf der Internetseite

 

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©Anton Bozic, Wien (Adriatic Sailing & Tours)